Size matters: Assassin’s Creed Odyssey

Zwischen Vergleichen mit The Witcher 3 und Verwünschungen als gierige Microtransaction-Hölle. Was ist Assassin’s Creed Odyssey denn nun wirklich?

Die Wahl zwischen weiblichem und männlichem Hauptcharakter, eine dazu maßgeschneiderte Story samt homo- und heterosexuellen Romance-Optionen, eine nochmals vergrößerte Welt und ein verfeinertes Kampfsystem. Assassin’s Creed Odyssey versprach im Vorfeld seiner Veröffentlichung wieder einen Innovationsschritt für Ubisofts Erfolgsreihe.

Das klang alles beinahe zu gut, um wahr zu sein. Zusätzlich erinnerte Vieles in den ersten Trailern stark an den Vorgänger Origins, was aber nicht unbedingt schlecht sein muss. Zunächst war bei uns dennoch Skepsis angebracht. Würde der neue Teil alle Versprechen halten? Aber erstmal nicht den Teufel an die Wand malen.

Die ersten Meinungen und Reviews decken ein Spektrum ab, das breiter nicht sein könnte. Während manche Gazetten ihren Ausflug ins antike Griechenland als das beste RPG seit The Witcher 3 loben, kritisieren andere – allen voran der YouTuber Jim Sterling – das Monetarisierungsmodell über Mikrotransaktionen harsch. Die Wahrheit liegt dazwischen – im gesamten Raum dazwischen.

Assassin’s Creed Odyssey soweit das Auge reicht

Das antike Griechenland ist zunächst einmal eines: riesig. Die Vergleiche mit The Witcher 3 ergeben sich aber nicht nur durch die Größe der Spielwelt, sondern auch durch das Kampfsystem. Wo in Origins auf leichtester Stufe Buttonmashing noch häufig zum Erfolg geführt hat, ist Odyssey deutlich anspruchsvoller. Selbst kleinere Banditencamps können zur letzten Ruhestätte werden, wenn wir mit Haudrauf-Mentalität hineinstürmen.

Assassin's Creed Odyssey ist riesig

„Das da hinten, Simba, da kannst du auch jederzeit hin.“

Diese Banditencamps sind wie schon in Vorgängern bei weitem nicht die einzigen Orte, die wir in Assassin’s Creed Odyssey entdecken und erkunden können. Versunkene Schiffswracks, von Soldaten besetzte Steinbrüche, Höhlensysteme voller Bösewichter oder wilder Tiere, Burgen, die aus Origins bekannten Gräber, kleinere Dörfer und große Städte wie Athen bieten die unterschiedlichsten Herausforderungen und Belohnungen.

Damit diese wunderschöne Welt nicht zum Abhaken einer Checklist verkommt, erwarten die Spieler außerdem viele Quests und Aufgaben. Als Söldner bekommt die Hauptfigur unserer Wahl naturgemäß aber auch eine Fülle von “Liefere X”-, “Stiehl Y”- und “Töte Z”-Aufträgen, die sehr repetitiv und damit bald langweilig werden.

Schiffschlachten auf hoher See sind ein Highlight von Assassin's Creed Odyssey

Schiffschlachten auf hoher See sind ein Highlight von Assassin’s Creed Odyssey

Wirkliche Nebenquestreihen, die auch zu Worldbuilding und Story beitragen, sind angesichts der Fülle an Beschäftigungsmöglichkeiten deutlich seltener als noch im Vorgänger. Wer aber ordentlich Levelfortschritt und die gleichzeitig notwendige Ausrüstung will, kommt um Nebenaufgaben nicht herum.

Speziell zu Beginn des Spiels scheint auch darin die heftige Kritik an den sogenannten Timesavern als Mikrotransaktionen begründet. Wer nur der Hauptgeschichte folgt, stößt sehr schnell an die Grenzen der eigenen Fähigkeiten und Ausrüstung. Zwar nimmt Assassin’s Creed Odyssey schneller Fahrt auf als etwa Polygon das erlebt hat, der Grind ist aber über die ersten Stunden omnipräsent und lässt auch nie vollständig nach.

Wer auf der Startinsel, die zunächst quasi vollständig als Tutorial-Schauplatz fungiert, auf Entdeckungsreise gehen will, wird blitzartig von stärkeren Wildtieren auf die nächste Tempelsäule gejagt. Bereits ein bis zwei Level Unterschied stellen eine gigantische Hürde dar. Vor allem, wenn wie zu Beginn jede Möglichkeit zum Verbessern des Charakters fehlt. Da erscheinen ein paar Euro für einen XP-Boost oder Ressourcen zum Upgraden von Ausrüstung und Schiff für ungeduldige Gamer gar nicht so viel. Wir konnten widerstehen, aber die Verlockung ist selbst auf der niedrigsten Schwierigkeitsstufe deutlich spürbar.

Best way to grind

Glücklicherweise lässt sich das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Naval Combat ist eine der beiden effektivsten Methoden, um Level und Equipment rasch zu verbessern. Mit wenigen Upgrades (Feuerpfeile!) kann man sich auf hoher See auch levelhöheren Nussschalen stellen. Aus den besiegten Schiffswracks gewinnen wir jede Menge Ressourcen für weitere Upgrades.

Wer sich in Griechenland daneben benimmt, muss allerdings mit der Rache der Kopfgeldjäger rechnen, die uns im ganzen Land verfolgen, sobald wir gegen das Gesetz verstoßen. An Land können die schon einmal richtig knifflig werden. Zu Wasser behalten wir dank der schnellen Schiffsupgrades leichter die Oberhand. Die Schlacht auf dem Meer macht zudem einfach Laune und lässt uns insgeheim schon mit Vorfreude auf Skull & Bones blicken.

Ein wichtiges Element in Assassin's Creed Odyssey ist die Zusammenstellung der Schiffscrew

Ein wichtiges Element in Assassin’s Creed Odyssey ist die Zusammenstellung der Schiffscrew

Für alle, die schnell seekrank werden, bleiben noch die sogenannten Conquest Battles. In allen größeren Landstrichen der Karte regiert entweder Sparta oder Athen. Deren Einfluss verringern wir durch das Töten ihrer Soldaten, das Plündern der Schatztruhe der Nation und das Zerstören von Vorratskisten. Gleichzeitig isolieren wir damit den jeweiligen Anführer der Region, bis dieser schließlich ein leichtes Attentatsziel darstellt.

Hat man durch all diese Aktionen den Einfluss der vorherrschenden Macht genügend reduziert, wird die Conquest Battle der Region verfügbar. Auf einem großen Schlachtfeld mit zig Soldaten können wir nun entweder der verteidigenden Nation beistehen oder den Invasoren zur endgültigen Machtübernahme verhelfen. Letzteres ist zwar schwerer, wird dafür aber auch besser belohnt. Dieses Spiel lässt sich im Anschluss mit wechselnden Rollen wiederholen.

An schwarzen Brettern finden sich außerdem sogenannte Contracts, die wiederum Belohnungen bieten, sobald man eine gewissen Anzahl der oben genannten Ziele erfüllt hat. Also etwa zehn Vorräte verbrannt oder 15 Soldaten eines bestimmten Typs und einer bestimmten Nation ins Jenseits geschickt hat. So können wir letzten Endes einigermaßen abwechslungsreich an Level und Ausrüstung arbeiten.

Und was ist mit der Story?

So schön die gigantische Spielwiese ist, die Ubisoft da gebastelt hat, Hauptgeschichte und narrative Entwicklung der Protagonistin (wir haben uns für Kassandra entschieden) bleiben durch das Spieldesign sehr häufig außen vor. Stattdessen eilen wir von Fragezeichen zu Fragezeichen, plündern Forts, jagen Söldner und Kultisten und rekrutieren für die nächste Seeschlacht.

Irgendwo dazwischen verfolgt Kassandra die Schatten ihrer Vergangenheit. Was wurde aus ihrer Familie? Wie steht es um Griechenland? Alles ein spannender Plot, der aber zugegeben stark an Origins erinnert. Ubisoft bleibt Meister des Recyclens. Nach unzähligen Stunden auf Schlachtfeldern und Seekämpfen gegen Piraten, Spartaner und Athener bräuchte es aber eigentlich jedesmal einen Rückblick auf die letzten Ereignisse der Haupthandlung, um wieder zurück ins Narrativ zu finden.

Was macht Liebe in Assassin’s Creed Odyssey?

Kassandra selbst offenbart sich jedenfalls als ansprechende Hauptfigur. Blendet man die unzähligen Auftragsmorde aufseiten Spartas und Athens aus, wird ihre Motivation klar. Wie diese im Detail aussieht, hängt auch von unserer Dialogauswahl ab. Wir können Kassandra sowohl zynisch und brachial, als auch ruhig und reflektiert durch die Welt von Assassin’s Creed Odyssey spielen.

Wahre Liebe gibts in Assassin's Creed Odyssey nur unter NPCs

Wahre Liebe gibts in Assassin’s Creed Odyssey nur unter NPCs

Nur die im Vorfeld hohen Erwartungen an die im Spiel prominent platzierten Romanzen werden kaum erfüllt. Kassandra flirtet mit der Brechstange. Das passt zwar irgendwo zu ihrem Söldnerdasein, wer tiefgründige Romantik sucht, wird aber enttäuscht. Nach einem innigen Kuss und einem Fade-out ist die Geschichte meist auch schon gegessen.

Fazit

Assassin’s Creed Odyssey ist größer als es ihm gut tut. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten öffnet das Spiel einen gigantischen Baukasten an Unterhaltungsangeboten. Die Hauptstory wird zum Nebenaspekt, während wir uns zwischen den unzähligen Beschäftigungsmöglichkeiten verlieren.

Diese machen mal mehr (Kultisten-/Söldnerjagd und Naval Combat) mal weniger Spaß (repetitive Nebenaufträge an schwarzen Brettern). Nach einiger Zeit haben wir unsere bevorzugte Spielweise gefunden und versinken regelrecht in der virtuellen Welt.

Sowohl die Vergleiche mit Genreprimus The Witcher 3, als auch die harsche Offensive gegen das zu Mikrotransaktionen verleitende Spieldesign haben ihre Berechtigung. Bei all der opulent gefüllten Spielwelt bleibt die Vermutung, dass weniger in diesem Fall mehr gewesen wäre. Wie auch schon bei Shadow of the Tomb Raider bräuchten einzelne Elemente mehr Zuneigung und eine größere Bühne.

Es bleibt die eine Frage: Ist Odyssey überhaupt noch ein Assassin’s Creed? Wir kontern mit einer Gegenfrage: Wann dürfen wir endlich die Meta-Handlung im Hier und Jetzt spielen?

[Anm.: Screaming Pixel hat die Kopie des Spiels von Ubisoft zur Verfügung gestellt bekommen. Dies hat sich in keiner Weise auf unsere Berichterstattung ausgewirkt. Wir sagen es euch trotzdem.]


Bilder © Ubisoft

Autor/Autorin

Clemens Istel

Schon als Kind hatte Clemens lieber den MegaDrive Controller als das Fläschchen in der Hand. Rund ein Vierteljahrhundert macht er bereits virtuelle Welten unsicher. Ob RPG oder FPS, kaum ein Genre ist vor ihm sicher. Selbst im ESport hat der "Head of Head off" von Screaming Pixel seine Erfahrungen gesammelt. Grundsätzlich gilt für ihn: Je openworlder, desto zock!

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