Shadow of the Tomb Raider: Wo Schatten ist, ist auch Licht

Nach den beiden nicht restlos überzeugenden Vorgängern muss Shadow of the Tomb Raider für die Reboot-Trilogie die Kohlen aus dem Feuer holen. Doch wie gut ist das gelungen? Von Clemens Istel

Shadow of the Tomb Raider ist der abschließende Teil der 2013 gestarteten Trilogie von Reboots der legendären Tomb Raider-Serie. Die brandneue Ausgabe sollte laut Marketing Lara Crofts bisher düsterstes Abenteuer werden. “Werde eins mit dem Dschungel” und “Werde zum Tomb Raider” waren dabei die prominentesten Slogans.

Schon vor dem Start des Spiels war klar, dass auch Shadow of the Tomb Raider den Weg eines modernen AAA-Titels gehen wird. Sämtliche Buzzwords wurden abgehakt. Crafting, check. Open World(-ish), check. Einen Schuss Horror als extra Würze, check. Übermächtige Heldin mit Bogen, check. Manch ein User witzelte sogar, “Frau mit Bogen” wäre sein neues Lieblingsgenre.

Who the fuck is Lara?

Einen der größten Kritikpunkte an den Vorgängern hat die Werbekampagne aber erneut etwas stiefmütterlich behandelt. Die mehr schlecht als recht umgesetzte Charakterentwicklung von Lara Croft musste in Shadow of the Tomb Raider deutlich besser werden. Grund genug, vor Release hohe Ansprüche zu stellen.

Der starke Fokus auf Action-Elemente, Stealth und das zentrale Narrativ rund um die Maya-Apokalypse war deshalb eher besorgniserregend. Alles deutete darauf hin, dass Lara abermals nur die psychopathische Rachegöttin und Killermaschine sein würde. Gerade deshalb war ich wohl positiv überrascht.

Shadow of the Tomb Raider ist keine tiefgründig psychologische Coming-of-age-Story. In Ansätzen erfahren wir aber endlich, warum Lara derart versessen auf den Kampf mit der Organisation Trinity und das Lösen von Weltuntergangsrätseln ist. Das liegt nicht nur daran, dass der Trinity-Orden ihren Vater auf dem Gewissen hat.

Lara kämpft in Shadow of the Tomb Raider vor allem mit der Einsamkeit

Lara kämpft in Shadow of the Tomb Raider vor allem mit den Folgen von Einsamkeit

Laras traumatische Erlebnisse in ihrer Kindheit, allen voran der Verlust ihres Vaters, haben dazu geführt, dass sie sich ständig dafür zuständig fühlt, alles wieder ins Lot zu bringen. Sie wirkt diesmal tatsächlich glaubhaft verzweifelt, manchmal auch tollpatschig, und richtet dabei zunächst nur noch mehr Schaden an.

Schließlich ist sie es, die den Weltuntergang überhaupt erst in Gang setzt. Als sie ganz zu Beginn des Spiels zunächst übergroße Malereien als Warnung vor apokalyptischen Naturkatastrophen deutet, dann aber doch einen mysteriösen Dolch aus einer noch mysteriöseren Halterung nimmt, möchte man ob dieser Dummheit am liebsten schreien. Die Indiana Jones-Filme existieren in Laras Universum offensichtlich nicht.

Im Laufe der Geschichte wird schließlich deutlich, dass Lara voller Faszination für derartige Dinge steckt. Sie ist allerdings innerlich zerrissen und weiß sich schlicht nicht anders zu helfen, als ihrem ersten Instinkt nach zu handeln. Leider vermag die Archäologiekoryphäe nur zu selten die Folgen ihres Tuns vorherzusehen.

Unterwasserpassagen in Shadow of the Tomb Raider lassen uns schnell hektisch werden

Unterwasserpassagen in Shadow of the Tomb Raider lassen uns schnell hektisch werden

Der Mix aus Neugier, Rachegedanken und Schuldgefühlen treibt sie weiter an. Sich stets mutig den unmöglichsten Aufgaben zu stellen, offenbart auch eine gewisse Todessehnsucht. Lara stellt das Wohl der Welt über ihr eigenes Leben, so scheint es. Aus dem bedrohlich wirkenden Loch ist noch nie jemand wiedergekehrt? Na dann rein da!

Am Ende des Spiels erfährt die toughe Grabräuberin schließlich doch eine Art Erleuchtung. Sie scheint ihre selbstzerstörerische Ader zu überwinden. Was das aber nun wirklich für Lara und das Franchise bedeutet, können wohl frühestens etwaige DLCs verraten.

Vielleicht ist das nun der Auftakt zu einer neuen Lara. Einer Lara, die nicht nur mit Trommelmagazin im Anschlag feindliche Camps in Schutt und Asche legt. Einer Lara, die uns die Faszination der Archäologie näher bringt. Einer Lara, die sich der naive Junge in mir seit dem ersten Teil 1996 so sehnlich wünscht.

Widersprüche trüben den Spaß

Bei all der Freude über dieses Fünkchen Charakterentwicklung hat Shadow of the Tomb Raider aber leider auch einige Schwächen. Zum einen bleibt das Franchise jenes, für das der Begriff der ludonarrativen Dissonanz scheinbar erfunden wurde:

Im einen Moment erklärt Lara ihrem Begleiter voller Begeisterung einen alten Maya-Mythos und warum sie erstmal dem Bösewicht nur hinterherschleichen muss. Gleich darauf treiben wir aber schon einem ahnungslosen Gefolgsmann aus dem Dickicht heraus ein Messer durch die Schädeldecke und jagen einem weiteren einen Pfeil in die Schläfe. Letzterer war in unserem Spieldurchgang davon so “geschockt”, dass seine Leiche gänzlich aus dem Level verschwand und so mutwillig jegliches Looten verweigerte.

Wildtiere als Gegner treffen wir in Shadow of the Tomb Raider seltener als erwartet

Wildtiere als Gegner treffen wir in Shadow of the Tomb Raider seltener als erwartet

In der großen Stadt Paititi, von der aus wir in der zweiten Spielhälfte zu allen Missionen aufbrechen, versprechen wir zudem, dem ansässigen Volk zu helfen. In der Praxis sieht das allerdings so aus, dass wir sämtliche Hütten des Dorfes auf der Suche nach Crafting-Material plündern.

Dazu mischt sich auch ein wenig Videospiellogik, die man unter anderen Umständen wohl ignoriert hätte. Nicht nur, dass ein Jaguar genüsslich Laras Brustwirbelsäule herausknabbert, sie schüttelt ihn ab und wir bekämpfen ihn erfolgreich mit Pfeil und Bogen.

In der folgenden Zwischensequenz erleben wir, wie ein paar Tupfer mit einem schneeweißen Tuch die vermutlich radkappengroße Wunde mühelos heilen. Die hungrige Mieze hat mit chirurgischer Präzision an allen Blutgefäßen vorbeigekaut.

Zu viel Brei verdirbt den Brei

Lara Crofts neues Abenteuer erfüllt zudem alle Kriterien, die heutzutage scheinbar dogmatisch in jeder Big Budget-Produktion stecken müssen. Die Krux liegt darin, wie all diese Elemente umgesetzt sind und wie sie als Einheit funktionieren. Ob Open World, Stealth, Crafting oder opulent inszenierte Story, all diese Bausteine sind da, und doch wirken sie alle ein wenig zu kurz gekommen.

Schleichen passiert praktisch automatisch und dank Leveldesign ist auch klar ersichtlich, wo wir uns dadurch einen Vorteil verschaffen müssen. Die halboffene Welt ist wunderschön, aber beschränkt die notwendige Erkundung auf ein Minimum. Einzig Krypten und die Rätsel in Gräbern bieten uns abseits der Hauptgeschichte einen Mehrwert und sind besonders auf höheren Schwierigkeitsgraden ohne Hilfsanzeigen eine echte Herausforderung.

Wie kommt Lara an den Schatz auf diesem Totem?

Wie kommt Lara an den Schatz auf diesem Totem?

Auch die Horrorelemente wirken stellenweise aufgesetzt. Lara kriecht durch jede Menge Gebeine und Leichenberge. Dazu kommen noch furchteinflößende Wesen, die in manchen Höhlen unnachgiebig auf sie einstürmen. Als ob ihr innerliches Leid nicht schon genug Folter wäre, müssen wir sie auch noch dabei oder bei unzähligen Todesstürzen beobachten, wenn die Steuerung gelegentlich den Dienst verweigert.

Damit das Spiel aber noch zumindest einiges an Lore bietet, dürfen wir in den Wäldern, Höhlen und Seen noch nach einer Vielzahl von Relikten und Schriftstücken suchen. Besonders enthusiastische Sammlernaturen werden die Kollektionen dennoch schnell vervollständigen.

Immerhin verkommt das Spiel nicht vollends zum Abarbeiten von Nebenaufgaben. Auch die Action-Einlagen sind angesichts der Marketingkampagne überraschend ausgewogen dosiert. An offensichtlichen Rambo-Referenzen mangelt es zwar nicht und auch ein “Psychopathische Lara wird zur Killermaschine”-Moment bleibt nicht aus. Der alles in allem reduzierte Fokus auf Schusswechsel tut dem Spiel aber jedenfalls gut.

Fazit

Selbst mit 100 Prozent Komplettierung wirkt das Spiel unvollständig. Paititi wirkt zunächst wie die große Hub-Welt von der aus das Abenteuer so richtig beginnt. Ehe wir uns versehen, ist das Spiel dann aber auch schon wieder vorbei. Das mag für kommende Erweiterungen des Season Pass eine gute Basis sein. Für den Einmal-Spieler bleibt aber Ernüchterung. Auch, weil wir unbedingt wissen wollen, wie es mit Lara weitergeht.

Am Ende ist Shadow of the Tomb Raider wie dieser eine Film, den wir im Kino anschauen, eben weil wir lange nicht mehr im Kino waren. Der Name klingt vertraut und verspricht gute Unterhaltung in technisch einwandfreier Umsetzung. Er wird mit Sicherheit nicht enttäuschen, aber auch nicht glänzen. Und er nährt ein wenig die Hoffnung in die Zukunft.


Bilder © Square Enix

Autor/Autorin

Clemens Istel

Schon als Kind hatte Clemens lieber den MegaDrive Controller als das Fläschchen in der Hand. Rund ein Vierteljahrhundert macht er bereits virtuelle Welten unsicher. Ob RPG oder FPS, kaum ein Genre ist vor ihm sicher. Selbst im ESport hat der "Head of Head off" von Screaming Pixel seine Erfahrungen gesammelt. Grundsätzlich gilt für ihn: Je openworlder, desto zock!

Kommentare
  • Marina#1

    3. Oktober 2018

    Uff, da ist die gute Lara wirklich nicht gut weggekommen. Mich ärgert es fast, dass die Spielereihe auf mich so unattraktiv wirkt, wo ich doch recht lineare Spiele mit dem Mythen und Sagen Anteil und Archäologie wirklich interessant und spaßig finde. Mag ich eigentlich…um Tomb Raider hab ich bisher einen Bogen gemacht. (Uncharted? Oh ja bitte. Ich weiß. Tut mir leid ich bin ruhig). Die Trailer zu SoTTR sahen alle wirklich super aus, nur die immer gleiche Marketingmasche ala “Werde zum Tomb Raider” war irgendwie… meh. Ich werde schon wieder zum Tomb Raider? Was? Zum dritten Mal jetzt? Wann bin ich denn einer? Auch im Sinne von Videospiel-Logik darf man da wohl wenig erwarten. Stört mich um ehrlich zu sein aber noch am wenigsten, wenn der Rest passt. Die Lara der Trilogie hat für mich schon immer platt gewirkt, scheinbar hat sich dieser Eindruck auch im Finale der Saga wieder bestätigt. Schade, dass man mit dieser Figur scheinbar kaum warm werden konnte. Dann schon lieber ein Unchar…. okay sorry. Jetzt bin ich wirklich leise.

    P.S. Hab wieder n neuen Begriff gelernt durch euch. Ludonarrative Dissonanz. Interessant! Danke.

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    • Clemens Istel#2

      4. Oktober 2018

      Shadow of the Tomb Raider ist tatsächlich ein Spiel auf des Messers Schneide. Vieles funktioniert darin gut. Aber mit der Erwartungshaltung aus den beiden Vorgängern und dem Wissen, was Spiele heutzutage schon leisten können, fehlt einfach das gewisse Etwas. Deswegen ist SotTR aber noch lange kein schlechtes Spiel. Man kann definitiv auch viel schöne Stunden damit verbringen – speziell, wenn man vielleicht ganz ohne Vorbehalte eintaucht.

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