Riot: Civil Unrest – Kein Grund für einen Aufstand

Reale Aufstände aus der Perspektive beider Fronten. Zum Release auf Switch und Xbox One fühlen wir dem Strategie-Indie Riot: Civil Unrest auf den Zahn. Von Clemens Istel

Zu Beginn von Riot: Civil Unrest finden wir uns auf einem kleinen Feld wieder. Einige Zelte stehen herum. Vier Gruppen von Demonstranten dazwischen. Sie protestieren gegen den Bau eines millionenschweren Verkehrsprojekts. Mehrere Polizeieinheiten warten auf den Einsatzbefehl, um die Versammlung aufzulösen und die Zeltstätte abzureißen. Viel mehr brauchen wir nicht zu wissen, beschließt das Spiel in seiner ersten Missionen.

Riot: Civil Unrest lässt sich am besten als historisch-politisches Micromanagement Strategiespiel beschreiben. Als Spieler erleben wir darin reale Konflikte der Zeitgeschichte wie den Arabischen Frühling nach. Und das auf beiden Seiten der Aufstände und Demonstrationen. Entweder steuern wir die Demonstranten oder die Exekutive.

Zu Beginn sind die Szenarien in Riot: Civil Unrest noch relativ harmlos

Zu Beginn sind die Szenarien in Riot: Civil Unrest noch relativ harmlos

Das Spiel ist bereits seit Dezember 2017 als Early Access auf Steam und seit Oktober 2018 auf PS4 erhältlich. Am 5. Februar 2019 folgt eine Fassung für Nintendo Switch sowie eine für Xbox One einen Tag später.

How to Riot: Civil Unrest

Uns erwarten unterschiedliche Missionsziele. Mal muss die Meute eine gewisse Position gegen die vorrückenden Polizisten verteidigen. An anderer Stelle müssen wir aktiv einen Platz erreichen oder Ziele zerstören. Entscheiden wir uns für die Seite von Militär oder Polizei, ist logischerweise das jeweilige Gegenteil unsere Aufgabe.

Was einfach klingt, wird in der Praxis kniffliger. Abseits des Missionsziels spielt auch eine Rolle, auf welche Art wir es erreichen. Je friedlicher wir vorgehen, umso positiver ist uns die restliche Bevölkerung gesinnt. Prügeln wir uns durch die Opposition, sinkt unser Ansehen. Je nachdem bekommen unsere Einheiten einen Bonus oder Malus.

Auf beiden Seiten helfen uns kleine Gadgets und diverse Fähigkeiten sowie eine Auswahl an Spezialeinheiten. Wir steuern immer mehrere Menschengruppen, allerdings jede davon separat. Per Tastendruck wechseln wir zwischen passiver oder aggressiver Haltung. Darüberhinaus können wir den einzelnen Gruppen beispielsweise auch befehlen, einen bestimmten Bereich zu blockieren – notfalls sogar mit Sitzstreik.

Mittels Megaphon sorgen wir auf Seiten der Demonstranten in regelmäßigen Schüben für einen moralischen Boost, um den anrückenden Staatsdienern länger zu widerstehen. Mit Knallfröschen lässt sich die Polizei außerdem provozieren. Das ist zwar mit einem gewissen Risiko verbunden, wirkt sich aber positiv auf unser Ansehen aus, wenn “unschuldige” Demonstranten plötzlich mit Knüppeln und Tränengas attackiert werden. Letzteres können wir wiederum mit einem Gadget entschärfen.

Am Ende einer gelösten Mission kommentieren die Medien die Vorfälle in Riot: Civil Unrest

Am Ende einer gelösten Mission kommentieren die Medien die Vorfälle in Riot: Civil Unrest

Geschichte, oh, Geschichte

Was in der Theorie wie ein spannendes Strategiespiel klingt, fällt spätestens dann in sich zusammen, wenn man in Riot: Civil Unrest nach Motivation sucht. Dabei sind die einzelnen Missionen mit steigendem Schwierigkeitsgrad aber wenig Abwechslung noch am ehesten zu verkraften. Der Taktikaspekt ist solide umgesetzt, ohne dabei zu glänzen.

Viel schlimmer ist die Erzählung. Zwar beschreibt das Spiel vor jeder Mission kurz die Rahmenhandlung in Form einer Texttafel. Doch an keinem Punkt reicht diese Erklärung, um sich wirklich in eine der beiden Seiten hineinzuversetzen. Die sehr reduzierte Pixelgrafik verstärkt dieses Problem noch.

Mit etwas Fantasie ließe sich daraus je nach geographischer Lage eine besonders starke Botschaft lesen: Riot: Civil Unrest regt uns ganz bewusst zum Nachdenken an, was es bedeutet, dass uns diese weit entfernten Konflikte emotional nicht erreichen.

Demgegenüber steht aber schon die Botschaft der Entwickler selbst. Noch bevor das Hauptmenü erscheint, klärt uns ein Textblock darüber auf, dass sie sich um größtmögliche Neutralität bemüht hätten. Es ging bei der Entwicklung von Riot: Civil Unrest also darum, die Konflikte erlebbar und sichtbar zu machen.

Riot: Civil Unrest soll zum Nachdenken anregen. Das tut diese eingehende Botschaft mehr als das Spiel selbst.

Riot: Civil Unrest soll zum Nachdenken anregen. Das tut diese eingehende Botschaft mehr als das Spiel selbst.

Allerdings fungieren die Schauplätze ohne ein ausführliches Narrativ und weitreichende Kommentare lediglich als generische Karten für eine strategische Knobelei. Warum wurde ausgerechnet der Tahrir Platz gewählt? Warum soll ich mich für die Demonstranten in Nordfrankreich entscheiden? Und warum könnte es interessant sein, den Arabischen Frühling aus Sicht der Militärs zu erleben? Keine dieser Fragen wird aus meiner Sicht ausreichend beantwortet.

Fazit

So bleibt Riot: Civil Unrest ein Projekt mit einer spannenden Prämisse und viel ungenutztem Potential. Für eingefleischte Taktikfüchse steckt durchaus die eine oder andere Stunde Spaß in dem Titel. Wer angesichts eines Schlagwortes wie “Riot” und dem Versprechen, es würden reale Aufstände der Zeitgeschichte als Schauplätze dienen, eine tiefgründige geschichtliche Aufarbeitung erwartet, erhofft sich mehr, als Riot: Civil Unrest bieten kann.


Bilder © Merge Games

Autor/Autorin

Clemens Istel

Schon als Kind hatte Clemens lieber den MegaDrive Controller als das Fläschchen in der Hand. Rund ein Vierteljahrhundert macht er bereits virtuelle Welten unsicher. Ob RPG oder FPS, kaum ein Genre ist vor ihm sicher. Selbst im ESport hat der "Head of Head off" von Screaming Pixel seine Erfahrungen gesammelt. Grundsätzlich gilt für ihn: Je openworlder, desto zock!

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