Quo vadis, Gran Turismo?

Die Tokyo Game Show steht vor der Tür und alles wartet auf Neuigkeiten zum nächsten Gran Turismo. Was wir uns davon erwarten. Von Clemens Istel

Gran Turismo war einst DIE Rennspielserie. Spätestens seit Gran Turismo Sport ist die Vormachtstellung aber gefühlt dahin. Dabei boten die Zahlen zunächst noch ein höchst akzeptables Bild. In Großbritannien ließ GT Sport zum Release einige Konkurrenten hinter sich. Die Marke erreichte zudem vor kurzem über 80 Millionen verkaufte Exemplare.

Doch GT Sport ließ für langjährige Fans der Serie einiges zu wünschen übrig. Es war am Anfang nur ein reines Online-Spiel. Einen Karrieremodus bekamen wir erst Monate später und auf Drängen der Community nachgereicht. Statt die Gemüter wieder zu versöhnen, bot die halbgare Erweiterung aber weitere Enttäuschungen.

Away from the roots

Gran Turismo war immer ein knackig schweres, aber meisterbares Rennspiel nahe der Simulation. Erfinder Kazunori Yamauchi ist Autonarr und entwickelte das Spiel für seinesgleichen. Mit jeder neuen Ausgabe des Spiels – außer den Prologue– und Concept-Spinoffs – wuchs Gran Turismo in Umfang und/oder technischer Finesse.

Hunderte Autos zur Auswahl bedeutete zwar auch, dass darunter 15 Varianten des Nissan Skyline oder 20 unterschiedliche Mitsubishi Lancer Evolution steckten, aber für Autonarren blieb dennoch eine überwältigende Vielfalt. Ähnliches galt auch für Rennstrecken, die im Marketingsprech ebenso mehrfach gezählt wurden, wenn man eine davon in umgekehrter Richtung befahren konnte.

Wofür so viele Autos gut sein sollen? Mir egal. Ich wollte sie alle in meiner Garage haben. Das ist auch heute noch so. Allerdings bot das Spiel in den letzten Ausgaben immer weniger Umfang, Anreiz und Herausforderung, insbesondere für all jene, die sich nicht in chaotischen Online-Lobbys herumtreiben wollen.

Stichwort “Belohnung”

An anderer Stelle schrieb ich bereits von meinem Abschied vom Wettkampf-Multiplayer. Gran Turismo bot immer jene belohnende Herausforderung, der ich mich so gerne stelle. Genau hier machte die Serie bereits seit Teil 6 einen fatalen Fehler. Die Challenge schrumpfte, Belohnungen sanken oder verschoben sich.

Ein erster Schock war das Erreichen der Endurance-Liga in Gran Turismo 6. Wo waren meine 200 Meilen von Laguna Seca? Und die Grand Prix-Distanz von 78 Runden durch Monaco? 24 Stunden von Le Mans? Freilich spielen nur die Wenigsten wirklich komplette 24-Stunden-Rennen (Ich. Call me stupid.), aber aus der längsten und größten Herausforderung ein 24-Minuten-Rennen herauszukastrieren, grenzt für mich an Verstümmelung der Spielidentität.

Für Solospieler wurde die Rennaction in Gran Turismo immer langweiliger

Für Solospieler wurde die Rennaction in Gran Turismo immer langweiliger

Nun leben Menschen in Zeiten der vielzitierten Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs und ich sehe ein, dass Spiele in kleinere, leichter konsumierbare Häppchen unterteilt werden müssen. Was ich nicht einsehe, ist das Belohnungssystem des Single-Player-Modus von Gran Turismo Sport.

Erinnert ihr euch noch, als wir in Gran Turismo 3 nach jedem gewonnen Rennevent eine neue Karre geschenkt bekamen? Alle drei Rennen des Clubman Cup gerockt und schon ging’s im schicken Mazda MX-5 in die nächste Liga. Wisst ihr, was ihr für dieselbe Liga in GT Sport bekommt? Nichts! Dann aber doch bestimmt, wenn wir alle Events der Anfängerliga absolvieren, oder? Wieder Fehlanzeige.

In GT Sport werden Rennsiege lediglich mit Credits, Erfahrungspunkten und sogenannten Mileage Points vergolten. Damit lassen sich wiederum Autos und Upgrades erwerben. Autos als Belohnung gibt es immerhin in der Fahrschule, für bestandene Fahrmissionen und die Streckeneinschulung.

Durch diese haben wir uns schon in der Vergangenheit gequält und ich gehöre nach wie vor zu den Spielern, die lieber eine ausgeknobelte KI in realer, virtueller Rennumgebung Staub schlucken lassen. Will ich also irgendwie an neue Autos kommen, muss ich immer und immer wieder die selben Rennen grinden und Credits farmen.

Alternativ dürfen wir mittlerweile, entgegen vorheriger Versprechungen, auch Echtgeld investieren, um die begehrten Blech-Kaleschen einfach zu kaufen. Die High-End-Geräte sind davon immerhin ausgenommen. Ganz in Games-as-a-Service-Doktrin erhalten wir zudem einmal täglich ein neues Auto, wenn wir das Daily-Marathon-Ziel erreichen und 42 Kilometer zurückgelegt haben.

Back to the roots!

Zusammenfassend: Gran Turismo hat seine einstigen Hauptverkaufsargumente sukzessive beschnitten. Die Auswahl an Fahrzeugen und Strecken war in vergangenen Teilen deutlich höher, die Kampagne umfassend und eine lange Herausforderung. Außerdem wird (zumindest im Single Player) die absolute Essenz eines Rennspiels, das Gewinnen von Rennen, nicht länger belohnt. Das ist Irrsinn.

Will Gran Turismo mich mit dem nächsten Teil wieder zurück ins Boot holen, muss auch für Einzelspieler eine vollwertige Erfahrung her. Gebt mir Tonnen an Autos. Ich sammle jeden einzelnen Honda Civic, wenn ihr mir einen Anreiz dazu bietet. Und gebt mir alle Strecken! Ein Leben ohne Trial Mountain, Monaco oder Laguna Seca ist nicht lebenswert.

Belohnt unseren Fortschritt! “Logge dich ein und mache X für Y” ist kein nachhaltiges Konzept. Dadurch fühlt sich das Spiel wie Arbeit an und es fehlt jegliche emotionale Komponente, die mich wiederkehren lässt. Der Spagat zwischen einer bockschweren, aber nicht fehlerfreien KI wird hier der Schlüssel sein. GT Sport geht dabei schon in die richtige Richtung. Wer nach einem nervenzerfetzenden Sprintrennen endlich den heiß geliebten Aston Martin in der Garage hat, wird schnell nach dem nächsten Erfolgserlebnis suchen.

Die fiktiven Konzeptstudien waren einigermaßen spektakulär, lenkten den Fokus aber weiter von der Gran Turismo Essenz weg

Die fiktiven Konzeptstudien waren einigermaßen spektakulär, lenkten den Fokus aber weiter von der Gran Turismo Essenz weg

Kazunori Yamauchi macht uns bereits Hoffnung. War Gran Turismo auf der diesjährigen E3 zwar abwesend, hat er dennoch bereits eingestanden, dass es an seinem Herzensprojekt einiges zu verbessern gibt. Zudem sind schon die ersten vermeintlichen Vorbestellerboxen aufgetaucht. Wie es um den nächsten Teil des Genre-Königs steht, erfahren wir hoffentlich auf der Tokyo Game Show ab dem 20. September 2018.

Nachtrag: Mittlerweile hat Sony sein Lineup für die TGS 2018 bekannt gegeben. Gran Turismo fehlte in der Präsentation. Das könnte bedeuten, dass große Ankündigungen für die internationalere Veranstaltung Playstation Experience im Dezember aufgespart werden. Die Tokyo Game Show ist primär für Japan relevant.


Bilder © Sony

Autor/Autorin

Clemens Istel

Schon als Kind hatte Clemens lieber den MegaDrive Controller als das Fläschchen in der Hand. Rund ein Vierteljahrhundert macht er bereits virtuelle Welten unsicher. Ob RPG oder FPS, kaum ein Genre ist vor ihm sicher. Selbst im ESport hat der "Head of Head off" von Screaming Pixel seine Erfahrungen gesammelt. Grundsätzlich gilt für ihn: Je openworlder, desto zock!

Deine Mail-Adresse wird nicht gepostet. Die benötigten Felder sind markiert*