Wieviel Realismus verträgt ein Spiel?

Red Dead Redemption 2 wartet mit einem hohen Grad an Realismus auf. Gamer sind darüber geteilter Meinung. Von Clemens Istel

Arthur Morgan, Protagonist von Red Dead Redemption 2, muss sich waschen, rasieren, den Temperaturen entsprechend kleiden, seine Statuswerte mühsam hochtrainieren, selbige durch ausreichend Schlaf und Nahrung regelmäßig auf hohem Niveau halten, kann auf unterschiedlichste Arten mit seiner Umwelt interagieren und muss dabei noch die vielen Aufgaben lösen, die das Spiel für ihn bereit hält.

Nun haben wir nur von der Hauptfigur gesprochen und dabei noch nicht einmal alle Features erwähnt, die auf ihn wirken oder über ihn aktiviert oder gespielt werden. Würden wir sämtliche Details, Mechaniken und Systeme, die auf den Realismus einzahlen, einfach nur auflisten, die Aufzählung wäre alleine so lang wie ein gesamter Artikel.

Wie gelingt Rockstar Games die völlige Immersion?

Was Red Dead Redemption 2 so realistisch wirken lässt, sind aber nicht nur einzelne Elemente wie der Umstand, dass Arthur schlafen und essen muss. Tatsächlich gelingt es Rockstar Games auf beeindruckende Weise, all diese Teilaspekte zu einem großen Ganzen zu verschmelzen. Da wäre zunächst das Worldbuilding an sich.

Von verschneiten Bergen über Prärie bis hin zu Seen- und Sumpflandschaften bietet Red Dead Redemption 2 alles. Natürlich ließe sich hier auf hohem Niveau jammern und etwa der stellenweise abrupte Übergang von Wald- und Wiesenlandschaft in den Sumpf kritisieren. Aber jeder Landstrich ergibt in sich geschlossen Sinn und bietet seine ganz eigenen Herausforderungen und Charakteristika.

Dazu kommen unzählige Nebenaufgaben und Zufallsbegegnungen, die sich nicht selten direkt auf die Hauptstory beziehen oder zumindest Bezug auf die Geschehnisse in der Welt nehmen. Andere wiederum führen uns über lange Zeit in alle Winkel der Karte. Rockstar Games kreiert also nicht einfach einen großen leeren Spielplatz. Stattdessen werden Gamer aktiv motiviert, diesen zu erkunden.

Selbst Nebenhandlungen haben Nebenhandlungen.

Selbst Nebenhandlungen haben Nebenhandlungen.

Arthur Morgan steht vor der Qual der Wahl: Welches Abenteuer soll er bestreiten? Wo andere Spiele mit hohlen Phrasen punkten wollen und dem Spieler ein ach so individuelles Spielerlebnis je nach Charakterwahl versprechen, – Assassin’s Creed Odyssey lässt grüßen – hält Red Dead Redemption 2 genau dieses Versprechen, ohne es gegeben zu haben.

Es liegt an uns, ob wir einer der Schatzkarten folgen, dem Profifischer neue Exponate angeln, dem Autor bei seiner Biographie über einen berüchtigten Revolverheld helfen oder das Spiel vollständig zur Jagdsimulation umdeuten und legendäre Bestien erlegen. Nur im realen Leben haben wir mehr Auswahl an Zeitvertreib.

Bei all der Weite, die eine so riesige Spielwelt mit sich bringt, fühlt sich das Spiel aber nie leer an. Eine winzige Herausforderung verlangt etwa, dass wir in unter fünf Minuten von einem bestimmten Ort zu einem anderen reiten. Selbst querfeldein stehen die Chancen dabei aber gut, dass uns gleich mehrere Zufallsbegegnungen oder spannende Schauplätze vom eigentlichen Ziel abbringen.

Während wir ein Detail entdecken, reiten wir an 20 anderen vorbei

Während wir ein Detail entdecken, reiten wir an 20 anderen vorbei

Lass mich spielen!

Genau in solchen Aspekten liegt auch einer der stärksten Kritikpunkte am überbordenden Realismus. Pacing, Animationen und die vielen Verlockungen lassen es praktisch unmöglich zu, Red Dead Redemption 2 in kurzen Etappen zu genießen. Bei der Jagd wird das besonders deutlich.

Der Prozess ist langsam, überaus methodisch und erst dann abgeschlossen, wenn Pelz und Fleisch auch wirklich beim Fleischer oder Trapper abgegeben wurden. So habe ich beispielsweise zwei Stunden mit der Jagd nach dem perfekten Hasenpelz verbracht – ohne Erfolg.

Zuerst stehe ich dabei eine ganze Weile mit dem Feldstecher auf Hügeln, um überhaupt ein Vieh zu entdecken, dessen Pelz maximale Qualität garantiert. Es folgt die mühsame Annäherung. Ich darf nicht nur das Ziel selbst nicht verschrecken, sondern muss auch auf Tiere zwischen mir und dem Hasen achten. Verjage ich die in seine Richtung, erkennt auch er die Gefahr und flüchtet.

Nach gefühlt einem halben Tag Echtzeit bin ich schließlich in akzeptabler Schussdistanz. Red Dead Redemption 2 weiß das und dreht selbstverständlich den Regler für Realismus auf Anschlag. Die Folge ist Bodennebel, so dicht, dass man daraus Häuser bauen könnte. Ich erkenne weder den Lauf meines Gewehrs noch das Eichhörnchen direkt davor, das nun panisch vor mir blindem Tölpel flüchtet und dabei die gesamte Fauna der Gegend ebenfalls verjagt.

Eineinhalb Stunden später habe ich dann doch den begehrten Pelz in meiner Tasche. Erleichtert reite ich ins Camp zurück, werde auf dem Weg von Banditen überfallen, im folgenden Schusswechsel getötet und knapp zwei Stunden Spielfortschritt sind dahin. Der Kritiker in mir ist begeistert über so viel Realismus. Immer und überall kann etwas passieren. Der Spieler in mir kotzt aber gleichermaßen im Strahl bei so viel Frust. Die gesamte Freizeit dieses Tages hat mich im Spiel keinen einzigen Schritt voran gebracht.

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Realismus als Perspektive

Auf den ersten Blick scheint diese Detailverliebtheit von Rockstar Games ein noch nie dagewesenes Maß an Realismus und damit das wohl immersivste Spielerlebnis überhaupt zu bedeuten. Auf der anderen Seite stören einige Details den Spielfluss mitunter sehr. Was ist nun die Wahrheit? Tatsächlich beides.

In Red Dead Redemption 2 verschwimmt die Grenze zwischen Erlebnis und Spiel. Wie wir den neuen Western-Blockbuster also wahrnehmen, hängt primär von uns selbst ab. Lassen wir uns voll und ganz auf das Gesamtwerk ein, werden wir die vielen Animationen begrüßen. Das allgegenwärtige Gefahrenpotential und die damit stets geforderte Behutsamkeit verinnerlichen wir mit großer Freude.

Wer Red Dead Redemption 2 allerdings nicht als Erlebnis, sondern als klassisches Spiel begreift, wird zwangsweise mit den Designentscheidungen zu kämpfen haben. Games versprechen, grundsätzlich immer ein unterhaltsames und im Idealfall einfach zu bedienendes Medium zu sein. Mit Ausnahme vielleicht des Souls-like Genres wirft kaum ein Spiel dem Spieler aktiv Steine in den Weg und hindert ihn am Fortschritt in Gameplay oder Story.

Rockstar Games setzt ganz bewusst einen anderen Schwerpunkt. Hier soll nicht primär eine Geschichte erzählt werden. Das Gesamterlebnis soll uns um jeden Preis einsaugen. Dabei nimmt Red Dead Redemption 2 die Nachteile des Realismus bewusst in Kauf. Unterm Strich bleibt das nicht ohne Risiko.

Ohne den gigantischen Hype hätten die Verkaufszahlen von Red Dead Redemption 2 eventuell darunter gelitten. Dank eiserner Message-Disziplin und Informationsembargo von Rockstar Games gelang trotzdem einer der besten Verkaufsstarts, den die Unterhaltungsindustrie je gesehen hat.

Die einen hat der hohe Grad an Realismus und Detailverliebtheit dazu veranlasst, eine Woche Urlaub zu beantragen, um in Stiefeln und mit Cowboyhut auf der Couch zu sitzen. Hätte die Presse ausführlicher vorab über beide Seiten des Designs berichten können, wären andere vermutlich vorsichtiger beim Kauf gewesen.


Bilder © Rockstar Games

Autor/Autorin

Clemens Istel

Schon als Kind hatte Clemens lieber den MegaDrive Controller als das Fläschchen in der Hand. Rund ein Vierteljahrhundert macht er bereits virtuelle Welten unsicher. Ob RPG oder FPS, kaum ein Genre ist vor ihm sicher. Selbst im ESport hat der "Head of Head off" von Screaming Pixel seine Erfahrungen gesammelt. Grundsätzlich gilt für ihn: Je openworlder, desto zock!

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