Pokémon: Let’s Go – Ein völlig neuer Ansatz

Ein neues Pokémon-Spiel ohne neue Pokémon? Die Pokémon: Let’s Go-Spiele vereinen alte Inhalte mit neuen Techniken.

Alles beginnt wie gewohnt, nur an der Nintendo Switch statt am Gameboy. Wir starten in Alabastia, der Heimat von Ash, Red oder wie man sich auch genannt hat. Bevor wir aber wirklich losziehen, weichen die neuen Vertreter der Pokémon-Reihe aus dem Hause Nintendo das erste Mal von der Roten, Blauen und speziell der Gelben Edition ab, dessen Remake Pokémon: Let’s Go darstellt. Statt aus den klassischen Starter-Pokémon der ersten Generation auszuwählen, treffen wir je nach Version zuerst auf Pikachu beziehungsweise Evoli. Der Einfachheit halber werde ich im Weiteren von Pikachu ausgehen, da Nintendo uns freundlicherweise Pokémon: Let’s Go, Pikachu! zur Verfügung gestellt hat.

Pikachu hat sich mir regelrecht aufgedrängt. Noch im Pokéball hüpft es auf den Tisch in Professor Eichs Labor und lässt mir gar keine andere Wahl, als es als Starter-Pokémon auszuwählen. Aber wer kann es einem süßen, kleinen Pikachu schon abschlagen? Wie in der Gelben Edition folgt Pikachu mir nun auf Schritt und Tritt. Später nimmt es dann auf meiner Schulter platz und ermöglicht es anderen Pokémon, mir zu folgen.

Fangen statt kämpfen

Der wohl größte Unterschied zum Klassiker offenbart sich auch bereits zu Beginn des Spiels. Statt wilde Taschenmonster mit unserem Team zu bekämpfen, fangen wir sie und sammeln so für das ganze Team Erfahrungspunkte. Der Fangvorgang ähnelt stark dem von Pokémon Go. Jedes Pokémon kommt mit einem Kreis daher, der sich immer weiter verkleinert, bis er dann wieder von vorne beginnt. Je nach Level und Seltenheitsgrad des Pokémons ändert sich die Farbe des Kreises und zeigt somit an, wie schwierig es ist, das Pokémon zu fangen. Grün ist dabei sehr einfach, gelb so ein Mittelding und rot besonders schwer.

Es gilt nun, unseren Pokéball, Superball etc. in diesen Kreis hineinzuwerfen. Was bei Pokémon Go per Fingerwisch funktioniert, läuft in den Let’s Go-Spielen mit einem einfachen Knopfdruck ab. Darüber hinaus bewegt sich das zu fangende Pokémon aber auch noch, es will schließlich nicht gefangen werden. Durch Hin- und Herbewegen der Switch müssen wir das Pokémon in die Mitte des Bildschirms bringen, da genau dort jeder geworfene Ball hinfliegt. Am großen Bildschirm nutzen wir hingegen den Joycon, um durch eine tatsächliche Wurfbewegung den Ball in Richtung Pokémon zu befördern. Das geht wahlweise auch mit dem Pokéball Plus [Referral Link], dem Extra-Controller für das Spiel.

Der Pokéball Plus-Controller ist mit rund 50€ schon ein Luxus-Accessoire.

Bye bye, Random Encounters

Auch das Initiieren eines Kampfes wurde neu gestaltet. Verschwunden sind die nervigen Zufallsbegegnungen, plötzlich auftauchende Monster im hohen Gras gibt es nicht mehr. In Pokémon: Let’s Go sehen wir genau, was auf uns zukommt. Jedes Pokémon wird als solches in der Wildnis dargestellt. Folglich können wir uns unseren Weg zu ihnen oder eben um sie herum genau aussuchen. Wer nicht kämpfen (bzw. fangen) will, der muss das auch nicht tun. Sollten wir trotzdem einmal ungewollt in ein Monster hineinlaufen, gibt es aber immer noch die Möglichkeit, zu fliehen. Aber hey, jedes gefangene Monster bringt EP. Fast so gut wie Loot.

Die Anzahl der Erfahrungspunkte ist übrigens von mehreren Faktoren abhängig, die zu einem Endmultiplikator zusammengeführt werden. Fangen wir ein Pokémon mit dem ersten Wurf, gibt es mehr EP. Fangen wir ein besonders großes oder kleines Pokémon (erkennbar durch ein rotes bzw. blaues Leuchten), gibt es auch mehr EP. Fangen wir mehrere gleiche Pokémon hintereinander, you guessed it, mehr EP. Gerade der letzte Punkt ist auch noch anderweitig interessant. Wer beispielsweise ganz viele Taubsis hintereinander fängt, baut eine sogenannte Catch Combo Streak auf. Neben mehr EP erhöht die Streak auch die Chance auf ein Pokémon mit perfekten Werten oder sogar die glitzernde Shiny-Variante des Taschenmonsters.

So weit, so gut. Abgesehen vom Fangen der Pokémon bleibt vieles gleich wie gewohnt. Kämpfe mit anderen Trainern laufen ab wie immer. Auch Arenaleiter, Orden und Mr. Fuji sind wieder mit dabei. Pokémon entwickeln sich durch Aufleveln oder bestimmte Sondersteine. Die aus Pokémon Go bekannten Bonbons haben in Let’s Go eine andere Funktion.

Süßes, dann gibt’s Saures

Schicken wir überflüssige Pokémon an Professor Eich oder haben wir bei einer Pokémon-Begegnung etwas Glück, erhalten wir unterschiedliche Bonbons, die die verschiedenen Werte der Pokémon erhöhen können. Pokémonspezifische Bonbons erhöhen dabei alle Werte um einen Punkt, aber eben nur bei einer Art. Zusätzlich gibt es noch spezielle Bonbons der Größen L und XL, die nur für Pokémon ab Level 30 bzw. 60 verfügbar sind.

Zwei Spieler, zwei Bälle, aber keine doppelte Chance auf was Süßes.

Die Verbindung zu Pokémon Go kam jetzt schon an vielen Punkten zum Vorschein, vor allem das Fangen und die Bonbons stechen hervor. Darüber hinaus besteht auch noch eine direkte Verbindungsmöglichkeit zwischen den Spielen. Wir können nämlich Pokémon von Pokémon Go direkt auf die Let’s Go-Spiele übertragen. Da sich der Pokédex der neuen Spiele mit Ausnahme einiger Alola-Formen auf die erste Generation beschränkt (logisch bei einem Remake der Gelben Edition), stehen natürlich auch nur die Pokémon der Kanto-Region zur Übertragung zur Verfügung. Aber Vorsicht: Der Transfer funktioniert nur einseitig. Einmal in Pokémon: Let’s Go gewesen, gibt es für die Taschenmonster kein Zurück mehr.

Die transferierten Pokémon finden sich im sogenannten Go Park wieder, der die Safari-Zone in Fuchsania City ersetzt. Dort können wir diese fangen, um dann mit ihnen durch die Pokémon-Welt zu ziehen. Außerdem existiert zu jedem Pokémon ein kleines Minispiel, sobald wir von diesem 25 Exemplare gesammelt haben. Auf diese Weise verdienen wir ein paar Extrabonbons.

Wir wollen die Allerbesten sein

Wir können übrigens nicht nur mit unseren Pokémon spielen, sondern auch mit einem Freund oder einer Freundin. Da sich das Spiel auch mit nur einem Joycon steuern lassen, bleibt der andere frei und kann von einer zweiten Person genutzt werden, um auch ins Spiel einzutauchen. Spieler Zwei ist aber rein unterstützender Natur. Im Kampf arbeitet man mit demselben Team und kämpft zwei gegen eins. Auch beim Fangen von Pokémon kann man Spieler Eins unter die Arme greifen.

Das Ganze ist als eine Hop-In-Mechanik angelegt. Für den zweiten Spieler werden keine Daten gespeichert. Jeder kann zu jeder Zeit dem Spiel beitreten. Das Abenteuer bleibt dabei jenes von Spieler Eins. Durch den Support wird das Spiel noch einfacher, als es ohnehin schon ist. Der gedrosselte Schwierigkeitsgrad ist aber gewollt, soll Pokémon: Let’s Go es doch auch neuen Spielern ermöglichen, in das Franchise hineinzufinden.

Pokémon gemeinsam mit Freunden. Ein erster Schritt in Richtung Pokémon-MMORPG?

Gemischte Gefühle – zu recht?

Pokémon: Let’s Go gefällt bei weitem nicht allen Pokémon-Fans. Die Fangmechanik aus Pokémon Go stößt vielen übel auf. Zu groß ist die Angst, dass diese sich auch in den kommenden Haupttiteln wiederfinden wird. Andernorts bemängeln Spieler den Inhalt: Kanto-Remakes gibt es mit der Feuerroten und der Blattgrünen Edition schon. Und diese hatten sogar die Pokémon der zweiten und dritten Generation mit dabei. Trotzdem kann man kaum bemängeln, dass ein Remake nicht viel mehr Inhalt hat, als das Ursprungsspiel. Natürlich hätte ich auch gerne mehr Pokémon dabei gehabt. Grund zum Ranten ist das allerdings bei weitem nicht.

Auch dass Fähigkeiten oder tragbare Items wegfallen, wird teilweise als negative Entwicklung gesehen. Vor allem im kompetitiven Bereich bringt das einige Einschränkungen mit sich. Gerade “Entwicklung” ist hier aber ein wichtiges Wort. Pokémon: Let’s Go ist kein Spiel der Main Series. Nintendo probiert neue Sachen aus. Wer sagt, dass alles, was in Let’s Go verändert wurde, sich auch weiterhin durch die Pokémon-Welt ziehen wird? Wir sollten die Spiele als eigenständige sehen und bewerten. Befürchtungen, was sie für die Zukunft vielleicht oder vielleicht auch nicht bedeuten könnten, sind da eine schlechte Grundlage.

Pokémon: Let’s Go ist einfach anders und versucht auch gar nicht, ein klassisches Pokémon-Spiel zu sein. Viele schlechte Bewertungen rühren aber genau von der Annahme her. Die Spiele mögen ihre Schwächen haben und ich möchte die Pokémon Go-Mechaniken auch nicht in jedem Spiel sehen. Aber zwischendurch mal was anderes ist doch nicht verkehrt, oder? Außerdem ist ja noch ein vollwertiges Pokémon-RPG für 2019 in Entwicklung.

[Anm.: Screaming Pixel hat die Kopie des Spiels von Nintendo zur Verfügung gestellt bekommen. Dies hat sich in keiner Weise auf unsere Berichterstattung ausgewirkt. Wir sagen es euch trotzdem.]


Bildmaterial © Nintendo

Autor/Autorin

Louis Oelmann

Wenn es irgendwo etwas zu looten gibt, kann Louis nicht weit sein. Dementsprechend verbringt er auch viel Zeit in Spielen wie Borderlands oder Skyrim. Wenn Skags und Drachen ausgerottet sind, schreibt er Artikel und steht auch immer wieder gerne vor und hinter der Kamera.

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