Kolumne: “Wir fahren nicht anders als die anderen”

Frauen sind in der “Männerdomäne” Simracing noch eine Seltenheit. Die Österreicherin Marie Hruschka ist eine von ihnen. Von Mathias Kainz

Sie träumt von einem Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans, kann einen Klassensieg bei den 24 Stunden von Daytona vorweisen und fährt ihrer Konkurrenz – die überwiegend männlich ist – regelmäßig um die Ohren. Marie Hruschka hält Österreichs Simracing-Fahne hoch und behauptet sich dabei in einem Sport, der überwiegend Männer begeistert.

Im Interview spricht Marie Hruschka über ihre Erfahrungen im Simracing, die Community, ihre Ziele – und warum ihre Freundin Rebecca Pauline ihr Vorbild ist.

Mathias Kainz: Kannst du dich an dein erstes Rennspiel erinnern?

Marie Hruschka: Wenn man Mario Kart nicht zählt, war F1 2009 für die Nintendo Wii mein Einstieg. Ich hab das damals sogar mit der “Fuchtel-Steuerung” gespielt und es war entweder erstaunlich gut, oder mein Erinnerungsvermögen ist sehr schlecht.

Wie bist du zum Simracing gekommen? Wie lange bist du schon Simracer?

Meine erste Simulation war 2014 Assetto Corsa, und seitdem würde ich mich auch als Simracer bezeichnen. Es war im Grunde der logische nächste Schritt nach Spielen wie Gran Turismo 5 und DiRT 3. Mittlerweile fahre ich fast ausschließlich auf iRacing, dementsprechend bekomme ich nicht viel mit von anderen Simulationen.

Was war für dich persönlich bisher dein größter Erfolg im Simracing?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten, da zwei Langstreckenrennen auf iRacing besonders hervorstechen. Zum einen die 24 Stunden von Daytona 2018, die ich gemeinsam mit meiner Freundin Rebecca in der GT3-Klasse gewinnen konnte – zwar nur im 4. Split (Leistungsklasse, Anm. d. Redaktion), dafür mit mehreren Runden Vorsprung und nur zu zweit. Das andere Highlight waren die heurigen 12 Stunden von Sebring Anfang März. Hier haben wir wieder in der GT3-Klasse den 2. Platz erreicht, dieses Mal mit weitaus größerer Konkurrenz im 2. Split.

Hast du Vorbilder im Simracing oder auf der echten Rennstrecke?

Mein Vorbild im Simracing ist definitiv meine Freundin Rebecca, die ich sogar durch dieses gemeinsame Interesse kennengelernt habe und die mir immer ein Ziel gibt, das ich schlagen kann. Sie ist momentan die Frau mit dem höchsten iRating und eine der besten virtuellen Rallycross-Fahrer überhaupt. Aus dem echten Motorsport waren meine größten Vorbilder Katherine Legge, Janet Guthrie, Abbie Eaton, und Dale Earnhardt Jr.

Frauen sind in der Gaming-Community oft Ziel von sexistischen Anfeindungen. Wie erlebst du die Simracing-Community als Frau?

So klein diese Community auch ist, so verschieden sind ihre Mitglieder. Der Frauenanteil ist – ähnlich wie im realen Motorsport – kaum vorhanden, dementsprechend nimmt fast jeder an, nur gegen Männer zu fahren. Ich persönlich habe kaum Erfahrungen mit offensichtlich sexistischen Sprüchen, das liegt aber hauptsächlich an meiner Inaktivität in Foren und ähnlichem. Von anderen Frauen weiß ich, dass manche Männer gern die alten abgedroschenen Witze hervorholen, im Vergleich zu anderen Gaming-Genres ist das aber ein Kindergarten und kein großes Problem.

Wie gehst du mit sexistischen Anfeindungen um?

In Rennen? Sprach-Chat aus und weiterfahren. Ansonsten lass ich die Leute einfach ausreden und melde das dann den zuständigen Admins. Die sind diesbezüglich Gott-sei-Dank vernünftig und sperren die Übeltäter schnell.

Reagieren andere Simracer anders, wenn sie wissen, dass sie gegen eine Frau fahren?

Ab einem gewissen Niveau ist der gegenseitige Respekt groß genug, dass man einfach gegeneinander fährt und keinen Unterschied macht. Allerdings fühlen sich einige Männer allein aufgrund ihres Geschlechts in jeder Situation im Recht, was hin und wieder zu vermeidbaren Unfällen führt.

Wie erlebst du andere weibliche Simracer – sowohl auf der virtuellen Strecke als auch daneben?

Ich freue mich zuerst, noch eine Frau auf der Strecke zu sehen. Das kommt ja leider nicht so oft vor. Aber abgesehen von der gegenseitigen Wertschätzung gibt es nichts besonderes, wir fahren ja nicht anders als die anderen.

Es gibt nicht viele bekannte Frauen im Simracing. Was müsste getan werden, damit sich das ändert?

Wenn man den großen Simracing-Meisterschaften nicht folgt, kennt man generell keine Fahrer, somit ist da keine wirkliche Ungleichheit. Das Problem liegt in der geringen Anzahl an Frauen, die überhaupt fahren. Im Simracing insgesamt schätze ich die Quote auf unter 5%. Ich denke, der erste Schritt zu höherer Partizipation ist, den aktiven Motorsport an sich für Frauen attraktiver zu machen. Mehr Frauen im Kart führt zu mehr Frauen in höheren und Spitzenklassen, dies wiederum erzeugt das Bild “Rennfahren ist für jeden Menschen möglich”. Simracing würde dann einfach wie ein Spiegel des echten Lebens funktionieren.

Welche Ziele hast du für dich persönlich im Simracing?

Grundsätzlich will ich Spaß haben und mich weiter verbessern. Ich werde sehen was die Zukunft bringt, ob ich irgendwann gut genug bin, mit Profis mitzuhalten, und ob dieses Genre weiter so schnell wächst wie momentan. Kurzfristige sportliche Ziele sind gute Ergebnisse in den „Special Events“, also den 24 Stunden am Nürburgring, den 24 Stunden von Le Mans und so weiter; und Top-20-Resultate in der australischen V8-Supercar Online Premier Series (V8SCOPS).

Hast du schon Erfahrungen auf der echten Rennstrecke gemacht?

Leider noch nicht, aber ich will definitiv mal den Nürburgring befahren. Falls ich in Zukunft über größere Geldmengen verfügen werde, stehen klassische Trackdays auch auf dem Programm.


Bilder © Marie Hruschka/iRacing

Autor/Autorin

Clemens Istel

Schon als Kind hatte Clemens lieber den MegaDrive Controller als das Fläschchen in der Hand. Rund ein Vierteljahrhundert macht er bereits virtuelle Welten unsicher. Ob RPG oder FPS, kaum ein Genre ist vor ihm sicher. Selbst im ESport hat der "Head of Head off" von Screaming Pixel seine Erfahrungen gesammelt. Grundsätzlich gilt für ihn: Je openworlder, desto zock!

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