Kolumne: Warum eigentlich Simracing?

Seit einem Monat läuft meine private kleine Sim-Racing-Challenge. Grund genug, eine Antwort auf die Frage zu geben, warum sich Simracing lohnt. Von Mathias Kainz.

Das Genre der Simulatoren wird unter den Videospielen bisweilen ja ein wenig belächelt. Da gibt es Landwirtschaftssimulatoren (die mittlerweile über ihre eigene eSports-League mit beachtlichen Preisgeldern verfügen!), Zug-Simulatoren, Bus- und LKW-Simulatoren und so weiter. Alle verbindet der Anspruch, das jeweilige Fachgebiet mehr oder weniger akkurat darzustellen – für zwei Zielgruppen.

Die eine Zielgruppe sind Leute wie ich: Jene, die von einer Karriere in diesem Berufsfeld träumen, aber nie den Weg dorthin geschafft haben; die andere Zielgruppe sind die, die von ihrem Berufsalltag auch in der Freizeit noch nicht genug haben. Gut, ich möchte nicht mutmaßen, ob und wie viele Landwirte den Landwirtschaftssimulator auf eSports-Niveau spielen, aber zumindest bei Rennsimulationen ist durchaus eine gewisse Schnittmenge zwischen Spielern und Profi-Rennfahrern zu beobachten.

Da gibt es Kapazunder wie Max Verstappen, seines Zeichens jüngster Grand-Prix-Sieger aller Zeiten und in der Formel-1-Weltmeisterschaft 2019 ein ernst zu nehmender Titelkandidat, trotz seiner erst 21 Jahre. Oder Lando Norris, der in diesem Jahr erstmals in der Formel 1 am Start stehen wird, in seiner Freizeit aber auch auf der virtuellen Rennstrecke anzutreffen ist. Und auch andere Formel-1-Stars wie Charles Leclerc oder Esteban Ocon greifen abseits des echten Cockpits gerne mal ans digitale Lenkrad.

Sim-Racer schlägt Profi-Rennfahrer

Keine Frage, bei diesen Namen handelt es sich um außergewöhnliche Athleten, sowohl, was ihr Talent am Lenkrad betrifft, als auch bezüglich ihrer Fitness, ihres Trainings und so weiter. Dass aber auch unter den reinen Sim-Racern hochtalentierte Rennfahrer sind, weiß die Motorsportwelt spätestens seit dem Race of Champions Mitte Jänner.

Dort trat mit Enzo Bonito ein Profi-Simracer gegen die großen Stars der Motorsport-Welt an. Da waren Namen wie Sebastian Vettel oder Mick Schumacher vertreten, und Bonito duellierte sich auf der echten Rennstrecke unter anderem mit Formel-E-Champion Lucas di Grassi und Indy-500-Sieger Ryan Hunter-Reay. Und gewann diese Duelle.

Lässt sich Simracing-Erfahrung also ohne weiteres auf die echte Rennstrecke übertragen? Nein, natürlich nicht. Das Setting beim Race of Champions gleicht Unterschiede in Erfahrung und Fitness durch sein besonderes Format aus, indem auf einer sehr kurzen, recht langsamen und sehr technischen Strecke in wechselnden Fahrzeugen gefahren wird. Dort machen Kleinigkeiten den Unterschied, und die vielen Jahre der Rennstreckenerfahrung, die beispielsweise di Grassi mitbringt, spielen kaum eine Rolle.

Lektion gelernt

Ginge es aus diesem kontrollierten Umfeld auf eine echte Rennstrecke, mit Rad-an-Rad-Duellen, hätte mit großer Wahrscheinlichkeit der routinierte Rennfahrer die Nase vor dem Sim-Racer. Aber alleine, dass Formel-1-Stars wie eben Verstappen oder Norris in ihrer Freizeit auf Simracing setzen, um Strecken zu lernen und sich im rennlosen Winter streckenfit zu halten, unterstreicht die Wertigkeit, die moderne Rennsimulationen mittlerweile genießen.

Dass ich selbst noch weit von einem Enzo Bonito oder dem zweifachen Gewinner der Formel-1-eSports-Meisterschaft Brendon Leigh entfernt bin, hat mir mein erster Monat in iRacing eindrucksvoll bewiesen. Die Resultate lesen sich mit zwei neunten Plätzen und zwei Ausfällen vernichtend (davon nur einer selbstverschuldet, wie ich nicht müde werde zu betonen), und die Lektionen, die ich lernen musste, waren teuer.

Kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken – und die Ergebnisse des Race of Champions motivieren mich, denn die Schlussfolgerung ist, dass man sich auch auf der virtuellen Rennstrecke Qualitäten aneignen kann, die für den echten Rennsport wertvoll sind. Und auch, wenn ich nicht vorhabe, mich in absehbarer Zukunft auf dem echten Asphalt zu duellieren, ist diese Erkenntnis doch ein Ansporn.


Mathias Kainz

Als beim sechsjährigen Mathias der Controller für Colin McRae Rally auf der PS1 in den Händen landete, war der Weg vorgezeichnet. Gut zwei Jahrzehnte später ist er zum Sportjournalisten gereift, die Liebe zum Spiel ist geblieben. Als Hobby-Simracer, Open-World-Fan und Strategie-Amateur probiert er heute noch alles aus, was sich mit Tastatur oder Gamepad spielen lässt.


Titelbild © Sony

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