Kolumne: Esports-Ansichten eines Außenseiters

Was haltet ihr eigentlich von Esports? Hand aufs Herz, ganz ehrlich?

Ich persönlich – jemand der viel zu schlecht im Spielen von Computerspielen jedweder Art ist und aus dem Staunen ob der Leistungen kaum herauskommt – bin fasziniert von diesem Phänomen. Von der Leistungsstärke der einzelnen Spieler, von der Bekanntheit einzelner Teams, von der unglaublichen Zahl an Zuschauern und Fans und von der Unmenge an Geld, die seit einer Weile in den Esports fließt.

Und ich bin genervt, irritiert und sprachlos angesichts einzelner Aspekte rund um dieses Thema.

Esports ist groß und überholt im Moment leichtfüßig die größten Sportevents auf unserem Globus, wenn es um Preisgelder und Zuschauerzahlen geht. Esports kreiert ganz nebenbei neue Medienformate und verhilft neuen Entertainment-Plattformen wie Twitch zu enormem Erfolg. Und Esports ist dementsprechend auch der aktuelle Hype-Train, auf dem alle mitfahren wollen.

Es macht ja auch großen Spaß, diesen modernen Gladiatoren zuzuschauen. Wenn man einmal verstanden hat, wie die Spiele funktionieren und was es bedeutet, was die Kommentatoren bei den Live-Übertragungen von sich geben.

Hier werden dieselben Geschichten erzählt, die wir aus dem traditionellen Sport so lieben: Die Geschichte von David gegen Goliath, die Geschichten vom perfekten Spiel. Oder die Geschichten von Außenseitern, deren einzigartiges Talent erst nach vielen Rückschlägen erkannt wird, bevor sie erfolgreich sind und zur Identifikationsfigur für Tausende werden.

Die negativen Seiten des Esports

Gleichzeitig nervt mich der Esports ungemein. Nein, es geht nicht um die Spiele selbst, die so komplex erscheinen und deren traumwandlerische Beherrschung ihre Top-Spieler wie Zauberer erscheinen lässt. Abgesehen vielleicht von Fortnite, das mit seinen eigenartigen Spielmechaniken bei mir nur zu Verwirrung und Stirnrunzeln führt.

Es geht um einige andere Dinge, die mich als Liebhaber von allem, was Computerspiele und ihre Kultur so großartig macht, einfach zur Weißglut treiben. Ein paar Beispiele gefällig?

Zuallererst fällt mir da das toxische Verhalten in den meisten Esports Communities ein. Selbst wenn ich LoL oder DotA oder CS:GO oder Call of Duty lernen wollte, stünden mir hunderte Stunden voll von Verunglimpfung, Herablassung und Beschimpfung bevor.

Will ich das? Brauche ich das? Werde ich dieses Spiel spielen? Ihr kennt die Antwort, vielleicht habt ihr dieselbe. Es gibt aber noch weitere Gründe, wieso ich mich mit der Liebe zum Esports so schwer tue. Gleich neben der Toxizität und wahrscheinlich untrennbar damit verbunden ist die Überheblichkeit, die bei manchen Menschen im Bereich Esports zu finden ist.

Versteht mich nicht falsch, ich kenne einige Menschen, die im Esports und in diesem Ökosystem aktiv sind und ich zähle einige davon auch zu meinen engen Freunden. Es gibt viele großartige Typen in dieser Kultur. Dennoch stoße ich immer wieder auf eine unerträgliche Ignoranz.

Einige Klischees ohne besondere Reihenfolge:

  • Nur die Top 3, LoL, DotA und CS:GO, sind Esport. Alles andere darf sich nicht so nennen.
  • Nur Esportler sind wahre Gamer (die männliche Form steht hier ganz bewusst).
  • Frauen können Esport einfach nicht.
  • Und schließlich: Außenstehende, bzw. Leute, die keinen Esport betreiben, verstehen ihn auch niemals.

Das sind natürlich Klischees, denn diese Haltung teilen bei weitem nicht alle. Aber man stolpert trotzdem immer wieder über sie. So stehen sich viele im Esports selbst im Weg, um zu Idolen zu werden oder als Teil einer ernst zu nehmenden Sportart im gesellschaftlichen Diskurs anerkannt zu werden. Im Profisport wird eine Solche Haltung ganz bewusst abtrainiert und Profisportler sind immer auch Medienprofis.

Zu den oben aufgezählten Ansichten kommen dann auch noch fragwürdige Geschäftspraktiken und Investments, die viele zum wiederholten Male von einer Esports-Bubble sprechen lassen, die unweigerlich platzen wird.

Esports verbindet

Ich bin dennoch anderer Meinung: Esports wird nicht wieder verschwinden und es gibt wenig vergleichbare Phänomene, die solch eine verbindende Wirkung über Länder und Kontinente hinweg haben.

Dieses völkerverbindende Potenzial bringt uns wieder zum Sport. Langsam entdecken auch Brands und Verantwortliche im Sportbusiness die Möglichkeiten und integrieren auf unterschiedlich Art und Weise Esports in ihr Portfolio.

Außerdem findet eine Diskussion statt, ob Esports gleichberechtigt neben anderen Sportarten gesehen werden darf. Eine angemessene Antwort darauf zu finden, ist schwierig. Stattdessen möchte ich zum Abschluss ein aktuelles Beispiel anführen, das die Problematik in ihrer Komplexität ganz gut darstellt:

Im Sport gibt es seit mehr als 120 Jahren die Olympischen Spiele. Sie wurden von Pierre de Coubertin in die Moderne gebracht, dem die olympische Idee so wichtig erschien, dass sie unbedingt Teil unserer modernen Welt werden sollte. Es ging um Völkerverbindung, um sportlichen Wettbewerb und um die Tatsache, dass Sport für alle da sein sollte, unabhängig vom Grad der Professionalisierung.

So waren die Spiele zu Beginn auch ausschließlich für Amateure und das Programm enthielt Sportarten, die heute völlig in Vergessenheit geraten sind. Olympia wurde immer größer und beliebter und dennoch gelang es nicht, einige der größten Sportarten der Welt vollständig in das Konzept zu integrieren.

Im Moment gibt es ein ähnliches Projekt für Esports. Man mag davon halten, was man will und die Reaktionen aus der Esports Community und den jeweiligen Unternehmen sind zögerlich bis ablehnend. Ich bin mir nicht mal sicher, ob dieses Projekt wirklich ernst zu nehmen ist, denn die Hürden, die es hier zu überwinden gibt, sind noch viel größer als bei der Gründung der Olympischen Spiele der Moderne.

Für mich stellen sich dabei einige grundlegende Fragen, die über ein solches Turnier hinausgehen. Sie zeigen auf, in welchem Dilemma die Games-Kultur als Ganzes steckt und welche Fragen beantwortet werden müssen, bevor Gaming jenseits von Businessmodellen gesamtgesellschaftliche Relevanz erlangen kann.

Kein Esports ohne Publisher

Im Unterschied zum Gaming gehören Sportarten niemandem. Man muss niemanden um Erlaubnis fragen, oder ein spezifisches Produkt kaufen, um z.B. Fußball zu spielen. Wenn man ein MOBA oder einen Multiplayer Shooter spielen will, ist es aber genau so. Dann bin ich auf Valve, Riot usw. angewiesen, da diese Spiele ihr geistiges Eigentum sind.

Sollte es also Open Source-Varianten für MOBAs und Shooter geben und diese die Basis für den Sport bieten? Ich weiß darauf keine Antwort, denn diese Spiele sind so groß, weil die Publisher so viel in Marketing, Entwicklung und Events investieren. Wer würde dies dann tun? Eine neue FIFA oder ein neues IOC?

Darüber hinaus geht es darum, dass ein Esports-Olympia ähnlich seinem Vorbild möglichst viele Disziplinen enthalten sollte. Nicht nur die Top 3, nicht nur die erfolgreichsten 20 Esports-Titel, sondern wahrscheinlich auch kleinere exotischere Communities wie die des Landwirtschaftssimulators oder von Stardew Valley oder vielleicht sogar der Sims.

Ich würde nicht einmal hier aufhören, denn kompetitives Spielen geht weit über den Esport hinaus. Wer sich einmal mit der faszinierenden Thematik des Speedrunnings beschäftigt hat, findet dort vieles, das ähnlich ernsthaft und wettbewerbsorientiert betrieben wird wie im Esports. Und hier finden wir auch weitaus freundlichere und inklusivere Communities als in vielen Esports-Spielen. Der olympische Geist, das Verbindende, die Idee von „Dabei sein ist alles“ ist hier lebendiger als in jeder anderen Gaming-Kultur.

Was bleibt als Fazit?

Esports ist potenziell großartig und verbindend, so wie andere sportliche Wettbewerbe auch. Der Esport und sein Hype stehen sich aber meines Erachtens selbst im Weg, solange wir nicht die Transformation zum Breitensport schaffen und den Blick auf kompetitives Gaming weiter fassen, als nur auf einige wenige besonders erfolgreiche Titel.

Solange das nicht gelingt, wird dieser notwendige Schritt der Demokratisierung und Öffnung von Wettbewerben mit digitalen Spielen nicht vollzogen werden können. Esports bliebe ein Feld für wenige große Player, die zuallererst ihr ureigenes finanzielles Interesse im Blick haben.

Ach ja, und noch etwas: Kann mir jemand erklären, warum Fortnite einer der erfolgreichsten Esports-Titel ist? Ernsthaft, ich verstehe es nicht. Außerdem wäre ich echt froh, wenn mir jemand zeigen könnte, wie man in Computerspielen gut wird.


Titelbild © Intel Extreme Masters

Autor/Autorin

Thomas Kunze

Darf sich jemand, dessen XBOX ausgeschaltet bleibt von April bis Oktober Gamer nennen? Darf eine interaktive Geschichte auf einem Smartphone, die nach gefühlten zehn Mal nach links oder rechts wischen komplett absolviert ist, noch Spiel heißen? Solche Fragen stellt sich Thomas nicht, aber er hat eine Menge andere spannende Fragen zu Computerspielen, meint er, und liebt es, alles, was Computerspielkultur ist, in sich aufzusaugen und dann darüber nachzudenken, oder anderen beim Spielen zuzuschauen, oder doch mal selbst zu spielen, nein, warte, Game Jams, Speedrunning, Esports, … alles so interessant!

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