Kolumne: SimRacing und das Problem mit Bezahl-Mods

Ein Reiz von Rennsimulationen ist die Möglichkeit, Dinge und Konstellationen zu testen, die im echten Leben nie passieren würden. Doch das hat einen Preis.

So gut wie jeder SimRacer – vom Anfänger bis hin zum eSports-Profi – hat es wahrscheinlich schon einmal versucht: Mit einem Formel-1-Renner die Nürburgring-Nordschleife zu überstehen. In der echten Formel 1 ist das seit 1976 – wegen des Feuerunfalls von Niki Lauda – kein Thema mehr, auch wenn Nick Heidfeld und Michael Schumacher je einmal mit einem Formel-1-Wagen durch die Grüne Hölle fuhren.

Virtuell aber spricht eigentlich nichts dagegen. Formel-1-Wagen auswählen, Nürburgring auswählen, los geht’s. Theoretisch. Denn praktisch stellt sich das Problem, dass lizenzierte Formel-1-Renner (mit Ausnahme einiger weniger älterer Modelle beispielsweise in iRacing) ausschließlich in den Codemasters-Spielen vorkommen – und dort gibt es keine Nordschleife zu befahren.

Hier kommt jener Aspekt zum Tragen, der SimRacing vor allem auf dem PC zu seiner Popularität verholfen hat: Mods. Denn für die großen Rennsimulationen rFactor (1 und 2) und Assetto Corsa gibt es Unmengen an Community-Content. Das SimRacing-Forum RaceDepartment überschritt erst kürzlich die Marke von 10’000 benutzererstellten Mods in seinem Download-Bereich.

Bleiben wir gleich bei Assetto Corsa. Hier gibt es tatsächlich einen lizenzierten Formel-1-Wagen aus dem Jahr 2017. Ferrari hat seinen italienischen Landsleuten bei Kunos Simulazioni gestattet, den Ferrari SF-70H in Assetto Corsa abzubilden. Und auch die Nordschleife gibt es in ihrer ganzen lasergescannten Schönheit zu bewundern. Also, Problem gelöst.

Es sei denn, man will unbedingt mit den Rennern der neuesten Generation auf den Nürburgring. Denn seit 2017 hat sich einiges getan – und außerhalb des im Juni erscheinenden F1 2019 von Codemasters wird es die Königsklasse virtuell so schnell nirgendwo zu “erfahren” geben. Und hier kommt ein Streitthema der SimRacing-Szene zum Tragen, das so in anderen Genres kaum existiert: Paid Mods.

Wer mit einem Formel-1-Renner der Saison 2019 in Assetto Corsa über die Nordschleife fahren will, hat zwei Optionen. Die eine – und für viele Fans vermutlich attraktivere – ist die Mod ACFL 2019. Kostenpunkt für das Gesamtpaket mit allen zehn Autos der aktuellen Saison – 4,99 €. Nicht weiter schlimm, aber auch hochgradig illegal.

Denn ACFL verdient hier Geld damit, urheberrechtlich geschützte Inhalte zu verkaufen. Das Erscheinungsbild der Fahrzeuge, ihre Lackierungen, die Sponsoren – all das ist Eigentum der Formel-1-Vermarktungsgesellschaft, die dem US-Konzern Liberty Media gehört. Bisher wird der Verkauf dieser Mods toleriert, aber das kann sich von heute auf morgen schlagartig ändern.

Dazu kommt – qualitativ hochwertig ist die ACFL-Mod eigentlich nicht. Auf den ersten Blick wird der Formel-1-Fan zweifellos bestätigen, dass die Autos ihren echten Vorbildern sehr ähnlich sehen, etwa die “Knubbelnase” des Mercedes.

Markante Optik verpflichtet Modder zur Detailtreue. ©ACFL

Markante Optik verpflichtet Modder zur Detailtreue. ©ACFL

Auf den zweiten Blick fällt jedoch auf, dass die Modelle oft nur halbherzig verarbeitet sind. Für fünf Euro zwar für viele gut genug, aber spätestens auf den zweiten Blick fallen dann doch viele Ungereimtheiten ins Auge.

Die andere Option – und zu dieser würde ich jedem Formel-1-Fan von Herzen raten – sind Eigenkonstruktionen. Und an dieser Front gibt es aktuell nichts Beeindruckenderes als die Inhalte, die das Entwicklerteam Race Sim Studio auf die Beine stellt. Warum? Nun, zum Einen sind sie vollständige Eigenleistungen – angepasst an das Formel-1-Reglement des jeweiligen Jahres, aber in Eigenregie entwickelt. Dieses Auto könnte in Exakt dieser Form in der Startaufstellung des GP von Monaco stehen.

Der Detailgrad verrät, wie viel Zeit und Arbeit in das Projekt investiert wurde. Und hier befindet man sich auch als Käufer auf der sicheren Seite – denn urheberrechtlich geschützte Inhalte kommen nicht zur Anwendung. Im Gegenteil: Die 2019er-Ausgabe des RSS-Formel-1-Klons wird sogar von einem Simracing-Lenkradhersteller unterstützt. Dessen Logos kleben auf dem virtuellen Auto, und das Lenkrad des Renners ist eine Kopie von einem der Produkte im Angebot von Precision Sim Engineering.

Precision Sim als Sponsor Logo

Precision Sim als Sponsor Logo. ©racesimstudio.com

Etwas weiter im Graubereich bewegt sich RSS mit den Kopien der Formel-2- und Formel-3-Autos. Sie sind zwar nicht weniger aufwändig ausgearbeitet als der “Formula Hybrid”-Renner, aber doch klar inspiriert von den Original-Modellen aus dem Hause Dallara. Auch hier wird jedoch auf Original-Lackierungen und Sponsoren verzichtet.

Nicht zuletzt wegen solcher Lizenzfragen sind Paid Mods in der SimRacing-Szene eigentlich verpönt. RSS stellt eine der wenigen Ausnahmen dar, auch die Inhalte von VRC Modding Team (wie etwa Formula Lithium aka Formel E) sind akzeptiert, weil sowohl detailreich als auch zumindest im Graubereich der Lizenzverletzung.

Kein Zweifel: Mit Abstand die Mehrheit aller Mods ist heute noch kostenloser Third-Party-Content. Und die von der Community erstellten Formel-1-Skins für die RSS-Mods erfreuen sich großer Beliebtheit. Klar ist aber auch: Die Modding-Community im SimRacing-Bereich hat sich in den letzten drei bis fünf Jahren dramatisch professionalisiert – bis zu dem Punkt, an dem in Eigenregie ein virtuelles Formel-1-Auto entwickelt wird.


Titelbild © wikimedia commons

Autor/Autorin

Clemens Istel

Schon als Kind hatte Clemens lieber den MegaDrive Controller als das Fläschchen in der Hand. Rund ein Vierteljahrhundert macht er bereits virtuelle Welten unsicher. Ob RPG oder FPS, kaum ein Genre ist vor ihm sicher. Selbst im ESport hat der "Head of Head off" von Screaming Pixel seine Erfahrungen gesammelt. Grundsätzlich gilt für ihn: Je openworlder, desto zock!

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