Gastkommentar: Mein Problem mit Battlefield V

Mathias Kainz ist nicht nur Sportjournalist, er ist auch Gamer von ganzem Herzen. Die aktuelle Debatte um Battlefield V liegt ihm quer im Magen. Ein Gastkommentar (Spoiler: Es geht nicht um die Frauen):

Es war vorhersehbar, es war zu erwarten, und ich gebe zu: Mein erster Gedanke, als ich den Trailer zum neuen Battlefield vor mir auf dem Bildschirm hatte, war ein hilfloses “Bitte nicht”. Zu spät, es lässt sich nicht mehr ändern: Battlefield V kehrt zurück zu den Wurzeln und zum Zweiten Weltkrieg.

Das scheint momentan wieder in Mode zu sein. Call of Duty hat es vorgemacht, und nach dem Abstecher in den Ersten Weltkrieg zieht Battlefield nun eben nach. Scheint ja anzukommen, den Verkaufszahlen nach zu urteilen.

Und genau hier beginnt mein Problem mit Battlefield V (und CoD:WWII, sei am Rande erwähnt). Es bedient sich als Setting ausgerechnet jenes Krieges, der das Zentrum im vielleicht dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte bildet – ohne sich auch nur im Entferntesten mit den Gründen zu befassen, aus denen wir heute noch mit Schaudern auf den Zweiten Weltkrieg und insbesondere die nationalsozialistische Schreckensherrschaft zurückblicken.

Battlefield V, Call of Duty: World War II und so weiter: Titel wie diese inszenieren bombastische, spektakuläre und – zugegeben – unterhaltsame First-Person-Shooter-Gefechte auf den Schlachtfeldern, auf denen vor 75 Jahren Millionen von Menschen ihr Leben ließen. Und so sehr ich Spiele als Unterhaltungsmedium schätze, die Reduktion des Zweiten Weltkriegs auf ein Setting für solche Unterhaltung widerstrebt mir.

Warum? Ganz einfach: Weil sie alle ausblenden, dass hinter den Kulissen dieses Krieges eine nationalsozialistische Menschenvernichtungsmaschinerie gewerkt hat. Weil sie ausblenden, dass sich auf Seiten der Achsenmächte junge Menschen zur Verteidigung eines auf Rassenhass und Genozid aufgebauten Regimes in den Tod stürzten. Und weil sie das, wenn überhaupt, dann nur am Rande kommentieren.

Ich habe kein Problem mit Shootern. Sie sind eine moralische Gratwanderung, und die Trennung zwischen den Guten und den Bösen verschwimmt gerade in Multiplayer-Shootern, wo – wie in Kindertagen – einer den Gendarm und einer den Räuber spielen muss. Aber ich verstehe den Reiz, sich mit einer virtuellen Waffe mit anderen Spielern zu messen, die eigenen Reflexe und die eigene Zielgenauigkeit auf die Probe zu stellen. Alles schön und gut.

Aber gerade Shooter, deren Setting im Zweiten Weltkrieg liegt, tragen – bedingt durch eben dieses Szenario – eine gewisse Verantwortung mit sich herum. Nicht unbedingt eine Verantwortung gegenüber der historischen Genauigkeit, vielmehr eine Verantwortung zur moralischen Einordnung.

Weil sie mir nämlich vor allem im Multiplayer-Teil erlauben, mich in die Haut eben jener Verteidiger von “Volk und Reich und Führer” zu begeben und mit deutscher Waffe und deutscher Munition das Vaterland zu verteidigen. Unkommentiert, ohne Gefühlsregung. Ganz so, als wäre nichts dabei, für die Nazis in die Schlacht zu ziehen.

Hier versagen diese Spiele. Weil sie sich nicht einmal halbherzig darum bemühen, den Kontext des Nationalsozialismus zu kommentieren. Sie erlauben mir als Spieler, in die Rolle der Nationalsozialisten zu schlüpfen und mich dabei gut zu fühlen. Weil ich ja Seite an Seite mit weiblichen, dunkelhäutigen Soldaten das “Reich” verteidige, also kann ich gar kein Rassist, Sexist, Antisemit etc. sein.

Und genau hier setzt mein großes Problem mit den modernen Weltkriegsshootern an. Sie geben sich den Anstrich historischer Korrektheit (ich sage bewusst: Anstrich, denn das vermitteln historisch mehr oder minder akkurate Uniformen, Waffen, Vehikel und Schlachtfelder), verpflanzen hinter diese Fassade aber fehlgeleitete Botschaften.

Dass beispielsweise Frauen auf Seiten der Wehrmacht an der Front gekämpft hätten (was sie nicht taten – Frauen in der Wehrmacht waren auf Hilfsdienste beschränkt, ähnlich wie Kriegsgefangene). Oder, dass innerhalb der Wehrmacht eine Akzeptanz gegenüber dunkelhäutigen Soldaten existiert hätte (was nicht der Fall war – dunkelhäutige Soldaten waren auf ausgewählte Einheiten beschränkt und wurden, wie fast alle Nicht-”Arier”, als “Untermenschen” gesehen). Das sind Botschaften, die vor allem bei historisch weniger bewanderten Spielern ein Bild falscher Toleranz aufseiten des Nationalsozialismus zeichnen.

Wenn dem Spieler schon freigestellt wird, sich selbst zum Nazi zu machen, dann sollten Spiele ihn auch damit konfrontieren, was das für seine Selbstgestaltungsfreiheit heißt. Oder: Was es heißt, wenn das mühsam im Editor zusammengestellte Charaktermodell aufgrund seines Geschlechts oder seiner Hautfarbe nicht zum “arischen Ideal” passt. Im Singleplayer könnten dann beispielsweise von den KI-Kameraden abwertende, rassistische oder sexistische Bemerkungen fallen. Oder die Kampagne zwingt uns als Wachmann in ein Konzentrationslager, lässt uns das unbeschreibliche Grauen mitansehen, dem wir uns verschrieben haben, als wir uns auf Seiten der Deutschen ins Spiel gestürzt haben.

Ich sehe das Argument schon kommen: “Viele Wehrmachtssoldaten wussten ja gar nichts von den Konzentrationslagern!” – Nein, aber wir wissen heute davon. Wir alle. Ohne jede Ausnahme wissen wir, dass hinter der Front Millionen von Menschen wegen ihrer Religion, wegen körperlicher oder geistiger Behinderung systematisch ermordet wurden. Und wenn ein Spieler wirklich meint, er müsse einen deutschen Soldaten spielen, dann akzeptiert er damit, für diese Verbrechen einzustehen.

Spiele müssen sich nicht um historische Korrektheit bemühen. Sie haben die Freiheit, sich ihre Szenarien nach Belieben zusammenzustellen. Sie können alternative Szenarien entwerfen, die Geschichte verändern, die Gegenwart und Zukunft frei bestimmen. Aber: Wenn sie sich der Geschichte verschreiben – und diese Geschichte zu Marketing-Zwecken groß hervorheben – dann sollten sie sich zumindest Mühe geben, diese Geschichte akkurat darzustellen. Mit ihren negativen Aspekten.

Dass das den Rahmen eines Multiplayer-Shooters sprengt, steht außer Frage. Trotzdem: Gerade diese Epoche, gerade der Rahmen des Zweiten Weltkriegs, trägt so viel historische Verantwortung mit sich, dass es in meinen Augen unverzeihlich ist, hier traurige Tatsachen zu verfälschen, nur, weil es gerade Mainstream ist. Gestaltungsfreiheit schön und gut – aber dann doch bitte in einem glaubwürdigen Setting, und nicht als fadenscheinige Entschuldigung in einem Weltkriegs-Shooter.

Ich erlaube mir eine kleine Zusammenfassung: Mich stört es nicht, dass in einem Weltkriegs-Shooter Frauen, Schwarze und Was-weiß-ich-wer-noch auf dem Schlachtfeld umherrennt. Mich stört vielmehr, dass es in ein Setting, das historische Genauigkeit vorgaukelt, falsche Rückschlüsse insinuiert. Dass es bis zu einem gewissen Grad auch jene verharmlost, an deren Gräueltaten wir mit Schaudern zurückdenken. Mich stört aber vor allem, dass in diesem speziellen Setting, im Szenario “Zweiter Weltkrieg”, die Geschichte zu Marketingzwecken umgeschrieben und verfälscht wird.

Heißt das jetzt, dass wir nie wieder einen Weltkriegs-Shooter sehen wollen? Geschmackssache. Es ist immer noch ein Setting, dass unzählige Spieler anzieht (warum, das entzieht sich mir, und vielleicht gibt’s dazu bald einen eigenen Kommentar). Aber wenn sich ein großer Publisher wie Activision oder EA schon einem solchen Szenario annähert, dann bitte auch mit einer Spur von Ernst und einem Bewusstsein für die damit einhergehende Verantwortung. Und wenn dazu die Bereitschaft fehlt, dann schreibt euch das nächste mal bitte gleich “Alternative History” auf die Fahnen.

Mathias Kainz

Als beim sechsjährigen Mathias der Controller für Colin McRae Rally auf der PS1 in den Händen landete, war der Weg vorgezeichnet. Gut zwei Jahrzehnte später ist er zum Sportjournalisten gereift, die Liebe zum Spiel ist geblieben. Als Hobby-Simracer, Open-World-Fan und Strategie-Amateur probiert er heute noch alles aus, was sich mit Tastatur oder Gamepad spielen lässt.


Titelbild © EA

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