Ein optisches Meisterwerk: The Vanishing of Ethan Carter

Seit dem 19.1.2018 kann man The Vanishing of Ethan Carter der Indie-Entwickler The Astronauts auch auf der Xbox One genießen. Atemberaubende fotorealistische Grafik und subtiles Storytelling machen The Vanishing of Ethan Carter jetzt schon zu einem Must-Play.

Normalerweise würde ich euch jetzt von der wunderschönen, in liebevollen Details erzählten Story von Ethan und Detektiv Prospero erzählen. Dass der Detektiv, dessen Rolle wir übernehmen, einen Brief von dem kleinen Ethan erhalten hat und sich jetzt auf die Suche nach ihm macht.

Ich würde euch von den Feinheiten der Geschichte vorschwärmen und über die Stimmung philosophieren, die das Spiel aufbaut. Ich würde über die durchaus gewagte Idee reden, eine recht erwachsene Geschichte als Walking-Simulator mit, böse ausgedrückt, an einer Hand abzuzählenden Klicks zu erzählen. Tu ich aber nicht.

Denn das Spiel lebt von seiner Geschichte, und die will ich euch in keinster Weise verraten. Stattdessen fokussiere ich mich auf den zweiten Aspekt, der das Spiel zu einem meiner Top-Fünf-Spiele-aller-Zeiten macht: die unglaubliche Grafik.

Ein Augenschmaus

Kennt ihr diese Panorama-Fotobände, in denen die schönsten und stimmigsten Fotos des Jahres abgebildet werden? Genau so sieht The Vanishing of Ethan Carter aus. Die relativ frei zugängliche Umgebung bietet einem einen Anblick, den man wahrscheinlich nur mit Glück in den schönsten Naturschutzgebieten dieser Welt zu sehen bekommen würde.

Wunderschöne Landschaft - Trügerische Idylle.

Wunderschöne Landschaft – Trügerische Idylle.

Jeder Stein und jeder Baum ist einzeln in die Landschaft eingegliedert und scheint, als befinde er sich genau da, wo er sein sollte. In goldenes Licht getauchte Wälder und bläuliche Schatten lassen die Natur des Spiels so lebensnah erscheinen, wie ich es in keinem Spiel zuvor gesehen habe. Wie das perfekte Foto.

Im Zusammenspiel mit der stimmigen Lichtarbeit, die das Team von The Astronauts geleistet hat, fühlt man sich, wie in einem wunderschönen Traum. Die Stimmung der Gegend ist surreal, atemberaubend und man will einfach nur stehen bleiben, und von der Brücke über Creek Valley blicken, verweilen und genießen.

Der eindrucksvolle Grafikstil kommt nicht von ungefähr. Die moosbewachsenen Steine, die alten, verlassenen Häuser, die Lokomotive, die beinahe von Rost zerfressen wird, existieren wirklich. Also so ganz echt, in der realen Welt.

Photogrammetrie

Durch die Technik der Photogrammetrie werden unzählige Fotos von einem Objekt gemacht und dann in ein 3D-Modell umgewandelt. Dass das ein ungeheurer Aufwand ist, versteht sich von selbst. Dennoch haben die Mühen definitiv gelohnt.

Detailgetreuer Nachbau dank Photogrammetrie.

Detailgetreuer Nachbau dank Photogrammetrie.

Das Besondere an dieser Technik ist die Individualität, die die Objekte dadurch erhalten. Im echten Leben gleicht kein Ei dem Anderen. Und auch in The Vanishing of Ethan Carter ist das so. Es gibt keine Standardtexturen, die zum Beispiel über Steine gelegt werden. Die einzelnen Mineralien und die leicht mit Moos überzogenen Stellen stammen genau so von einem echten Stein und sind damit unverwechselbar.

Das Ziel der Photogrammetrie ist es, laut Andrzej Poznanski, Mitbegründer von The Astronauts, dass sich das Spiel „richtig anfühlt“. Deswegen wurden die realistischen Aufnahmen nicht 1:1 übernommen, sondern nachbearbeitet, um zur Stimmung des Spiel beizutragen.

The Vanishing of Ethan Carter ist immerhin „a weird fictional game, a dark tale, and NOT a documentary“. An dieser Stelle möchte ich übrigens auf den durchaus lesenswerten Blogbeitrag von The Astronauts zum Thema Photogrammetrie hinweisen. Darin erklären sie den Weg vom Foto zum fertigen Objekt, das schlussendlich ins Spiel eingefügt wird. Mit beeindruckenden Bildern und Grafiken.

Eine Aussicht zum Träumen.

Eine Aussicht zum Träumen.

Ob sich die Photogrammetrie als Standard durchsetzen kann, sei dahingestellt. Der Aufwand ist extrem und für die guten drei Stunden Spielerlebnis, die The Vanishing of Ethan Carter uns bringt, gerade noch zu bewältigen. Bei längeren Titeln mit weitaus mehr Schauplätzen wird in Zukunft aber höchst wahrscheinlich weiterhin auf traditionelle Methoden zurückgegriffen.

Grafik und Story vs. Spielmechanik

The Vanishing of Ethan Carter ist ein wundervolles Spiel. Es ist grafisch eindrucksvoll, emotional und sensibel in seiner Geschichte. Was ihm allerdings fehlt, sind jegliche Spielmechaniken.

Man läuft durch den Wald und löst hier und da mal ein Rätsel, das mit wenigen Klicks zu bewältigen ist. Es gibt eigentlich nicht wirklich viel zu tun. Das macht aber nichts. Im Gegenteil.

Da die Welt so zum Verweilen und Umsehen einlädt, und die Geschichte lose um die schöne Welt konstruiert ist, will man sich auch die Zeit nehmen, sich alles genau anzuschauen. Und diese Zeit gibt einem The Vanishing of Ethan Carter. Weniger ein Spiel, sondern mehr eine verbildlichte Geschichte: So könnte man das Game, glaube ich, am ehesten beschreiben.

Welches Geheimnis liegt in der Kirche verborgen?

Welches Geheimnis liegt in der Kirche verborgen?

Wer sich also an einem gemütlichen Winternachmittag in eine bezaubernde Welt mit einer Geschichte, die einen emotional berührt, entführen lassen will, ohne viel tun zu müssen, dem lege ich The Vanishing of Ethan Carter ans Herz.

Ich habe das Spiel bereits in der PC Fassung 2014 gespielt, was viel heißt, wenn ich als Konsolenkind mich mal an einen PC wage um ein Spiel zu spielen, und bin auch jetzt von der Remastered-Version für Xbox One und PS4 genauso begeistert wie zuvor.

Und wenn ich mit diesem Artikel auch nur eine Person von dem Spiel überzeugen konnte, dann habe ich mein Ziel erreicht. Denn ich finde, dass The Vanishing of Ethan Carter bei weitem mehr Aufmerksamkeit verdient hat, als es bekommt.


Bebilderung: © The Astronauts

Autor/Autorin

Ana Lagger

Ana ist der Moodmaker von Screaming Pixel. (Naja, zumindest wenn es um negative Stimmung geht). Ihr Spiritanimal ist eine Mischung aus Sadness (Inside Out) und Scar. Dementsprechend ist auch ihr Geschmack. Spiele? Je depressiver, desto besser. Meistens spielt und schreibt sie über storylastige Indiegames.