Beholder 2 – Arbeit ist ein Spiel ist Arbeit

In Beholder 2 schlüpfen wir abermals in die Rolle eines Staatsdieners in einem totalitären Regime. Die Stärken des Vorgängers haben nur teilweise überdauert. Von Clemens Istel

Beholder 2 ist ein politisches Point & Click Adventure mit eigenartigem Humor und zu wenig Ernst für ein ernstes Thema. Die Geschichte beginnt mit dem Tod unseres Vaters. Dieser arbeitete im zentralen Ministerium des totalitären Staates als er eines Tages durch ein Fenster in dessen oberstem Stockwerk stürzt und stirbt.

Obwohl wir in den vergangenen Jahren wenig Kontakt zu ihm hatten, ziehen ehemalige Arbeitskollegen und Mitarbeiter die Fäden zu unserer Versetzung in besagtes Ministerium. Unser Vater hat uns einen mysteriösen Brief hinterlassen und so beginnen wir, als kleiner Schalterbeamter getarnt, die Hintergründe seines Todes aufzuklären.

Das zugrundeliegende Gameplay funktioniert ähnlich gut wie im Vorgänger. Doch für das bitterernste Setting gibt sich Beholder 2 oft viel zu verspielt. So macht die neueste Schöpfung von Entwickler Warm Lamp Games auf seltsame Weise Spaß und dann doch wieder nicht.

Gewohntes Spielprinzip

Zunächst sollen wir uns mit den Arbeitskollegen anfreunden und das Vertrauen weiterer Mitarbeiter gewinnen. Wie schon im Vorgänger, müssen wir dafür diverse Einrichtungsgegenstände und Orte durchsuchen oder Gespräche führen. Mit den zutage geförderten Informationen und Gegenständen erzwingen wir anschließend weitere Infos in Gesprächen oder erhalten wiederum andere Gegenstände.

Das Spiel wechselt dafür zwischen dem Ministerium und unserer Wohnung als Schauplatz hin und her. Während wir im Ministerium die Mitarbeiter gegeneinander ausspielen oder uns einen Vorteil durch ihr Vertrauen erschleichen, warten zuhause Rechnungen auf uns. Außerdem können wir durch Bücher in unserem Schrank gewisse Perks lernen.

Durch einfache Schalterarbeit verdienen wir in Beholder 2 Geld und Ansehen

Durch einfache Schalterarbeit verdienen wir in Beholder 2 Geld und Ansehen

Auf unserem Fernseher laufen diverse Serien, die wir erst in Amazonmanier kaufen und anschließend ansehen können. Das eröffnet am Folgetag die Möglichkeit, mit Kollegen über die neueste Folge zu plaudern und so unsere Beziehung zu ihnen zu verbessern. Allerdings haben wir nur begrenzte zeitliche Ressourcen, sodass wir uns genau überlegen müssen, über welche Serie wir für welchen Kollegen Bescheid wissen wollen.

Zeit verrinnt in Beholder 2 nicht länger einfach so, sondern kann wie eine Währung für bestimmte Aktionen investiert werden. Jeder Tag beginnt mit einem Zeitkonto von neun Stunden. Die Warteschlange vor der Chefsekretärin kostet uns immer eine Stunde. Eine Zierpflanze oder einen Aktenwagen zu durchsuchen, dauert nur 15 Minuten.


Recht schnell werden wir so zum Spielball zwischen unseren privaten Sorgen, der Ermittlung im Todesfall unseres Vaters, den eigenwilligen Wünschen des Abteilungsleiters und der Untergrundbewegung, die den totalitären Staat sabotieren will.

Düster, aber lächerlich

Statuen des “geliebten” Anführers, vor denen wir eine unzweideutige Geste zur Huldigung ausführen können, grimmige Wachposten und ein selbstgefälliger, egoistischer Abteilungsleiter. Beholder 2 gibt sich alle Mühe, damit wir uns in ein Szenario einfühlen, das an Nazideutschland während des zweiten Weltkriegs oder ähnliche Regime erinnert.

Auf der einen Seite treibt das Spiel die beklemmende Stimmung mit dem vermeintlichen Mord an unserem Vater gleich zu Beginn auf die Spitze. Wenig später wird auch sein Freund und Kollege, der uns zunächst als neuer Mitarbeiter im Ministerium willkommen geheißen hat, unter tosendem Beifall in aller Öffentlichkeit vom Regime exekutiert.

Das Bild vom erhängten Herrn Hemnitz ist noch frisch in unserem Kopf, da erklärt uns die Chefsekretärin, dass verstorbene Mitarbeiter gefeuert werden und diese somit außerdem ihren Pass abzugeben hätten. Herr Hemnitz habe dies nicht getan. Sehr lustig … nicht. Zum Glück können wir uns kurz darauf mit anderen Aktivitäten ablenken.

Beholder 2 macht deutlich, wie wenig ein Menschenleben in totalitären Systemen wert ist

Beholder 2 macht deutlich, wie wenig ein Menschenleben in totalitären Systemen wert ist

Wir sollen für den Chef etwa eine Party ausrichten. Am besten mit weiblicher Beteiligung. “Etwas großes Blondes” und eine kleine Mollige, weil man da “was zum Festhalten” habe. So widerlich das wirken mag, hier findet Beholder 2 zu den Stärken des Vorgängers zurück. Als Spieler müssen wir uns durch moralisch fragwürdige Aufgaben zwingen, wenn wir unserem Ziel in unserer grauenvollen Umwelt näher kommen wollen.

Ähnlich wirkt auch die Aufgabe, mögliche Konkurrenten für eine Beförderung auszuschalten. Wir können versuchen, Ansehen und Geld einfach mit unserem Schalterdienst zu erarbeiten. Aber ist es nicht viel einfacher und vor allem lukrativer, dem gehässigen Kollegen bei ein paar Streichen gegen den Schalternachbarn zu helfen? Genau diese moralischen Zwickmühlen haben schon den Vorgänger so spannend gemacht.

Allerdings stehen die kleinen Schauplätze in krassem Gegensatz zum Gesamtbild der Welt. Noch kurz bevor wir der Rebellengruppe helfen, eine Bombe einzuschmuggeln, verbringen wir unseren Tag damit, einem Kollegen Abführmittel unterzujubeln und ihn stockbesoffen zu seiner großen Liebe vom Nachbarschalter zu schicken. Dank unserer Streiche blamiert er sich selbstverständlich bis auf die Knochen.

Am nächsten Tag sind wir wieder auf geheimer Mission und sollen das Büro vom Chef mit einer versteckten Kamera präparieren. Diese ständigen Sprünge zwischen ernstem Setting und ulkigem Humor lassen Beholder 2 rasch unseriös wirken. Auf der einen Seite ist die Kritik an totalitären Systemen offensichtlich. Im beinahe selben Moment diskreditiert die Darstellung sich durch infantile Dialoge und Quests aber selbst.

Fazit

Wie infiltriert man das zentrale Verwaltungsorgan einer Diktatur? Mit List, Tücke, etwas Glück und den richtigen Helfern. Kann das Spaß machen? Ist eine beinharte Diktatur samt Propagandaministerium das richtige Setting für Schuljungenstreiche und Flachwitze? Wohl eher nicht. Trotzdem will Beholder 2 an so vielen Stellen witzig sein. Das Spiel versucht einen Spagat aus ernster Geschichtskritik und ulkiger Parodie, der beiden Teilen schadet.

Die grundsätzliche Aufgabe ist denkbar spannend. Jede Aktion will wohl überlegt sein. Ein Bombenattentat klingt verlockend, aber was geschieht mit den Drogen, die wir vor der darauf folgenden Evakuierung eigentlich noch an Kollegen verticken wollen? Die Sicherheitsbeamten konfiszieren sie am nächsten Morgen als wir die Sicherheitskontrolle passieren wollen und wir müssen teuren Nachschub kaufen. Wann wir welche Option zu welchem Zweck wählen, verlangt ein gewisses Maß an Taktik und Vorausdenken.

Doch aller Ernst ist schnell verflogen, wenn der Fokus der Geschichte auf dem Mitarbeiter liegt, der sich vor allen in die Hose macht, weil wir ihm Abführtabletten als Kopfschmerzmittel verkauft haben. Ebenso schnell schwenkt die Erzählung in der nächsten Quest wieder auf ein bitterernstes Thema und den Mitarbeiter, der vor lauter Überarbeitung an seinem Schalter Selbstmord begangen hat.

Von diesem ewig Hin und Her bekommt man Schwindelanfälle. Infolge bleiben wir als Spieler zwar neugierig, was in diesem Ministerium wirklich vor sich geht. Wirklich motivieren kann uns Beholder 2 bei all dem Nonsens dazwischen aber nur schwer. Wo Teil 1 noch ein simples spannendes Konzept präsentiert, übernimmt sich der Nachfolger bei dem Wunsch, in jeder Hinsicht mehr bieten zu wollen.


Bilder © Warm Lamp Games

Produkte von Amazon.de

Autor/Autorin

Clemens Istel

Schon als Kind hatte Clemens lieber den MegaDrive Controller als das Fläschchen in der Hand. Rund ein Vierteljahrhundert macht er bereits virtuelle Welten unsicher. Ob RPG oder FPS, kaum ein Genre ist vor ihm sicher. Selbst im ESport hat der "Head of Head off" von Screaming Pixel seine Erfahrungen gesammelt. Grundsätzlich gilt für ihn: Je openworlder, desto zock!

Deine Mail-Adresse wird nicht gepostet. Die benötigten Felder sind markiert*