Woran sind Videospiele wohl als nächstes schuld?

Gewalt, zerbrochene Ehen und schlechte Integration. Videospiele müssen zurzeit wieder oft als Sündenbock herhalten. Dabei werden die eigentlichen Themen brav ignoriert. Von Florian Born.

Videospiele sind böse und jedesmal daran schuld, wenn jemand irgendwo eine Gewalttat begeht. Immerhin hat diese Person ja [Ego-Shooter eurer Wahl] gespielt! Das muss der Fehler sein!

Das kennen wir mittlerweile. Und viele Gamer haben schon die ein oder andere Studie im Gepäck, die wissenschaftlich belegt, dass das nicht der Fall ist. Doch leider bleibt es nicht mehr bei diesem einen wunden Punkt, in dem die üblichen Verdächtigen gerne herumbohren.

Vor kurzem kamen gleich zwei wunderbare Beispiele auf, die Videospielen erstens für die mangelnde Integration an österreichischen Schulen und zweitens für hunderte zerbrochene Ehen die Schuld in die Schuhe schieben. Keines davon ist auch nur ansatzweise realistisch. Aber immerhin gibt es uns einen Anlass über die ganzen Dinge zu reden, an denen man Videospielen schon die Schuld in die Schuhe geschoben hat:

An jeder zweiten Gewalttat

Das ist der Klassiker. Wenn es zum Beispiel in den USA wieder zu einem sinnlosen Amoklauf kommt, werden zwei Stimmen laut: Die einen wollen strengere Waffengesetze. Die anderen sagen, Videospiele sind böse. Dazu wurde schon oft und viel geschrieben und wir vermuten, dass ihr das Thema schon ziemlich leid seid. Wir halten uns hier nicht lange auf. Stattdessen bekommt ihr eine weitere Studie, die keinerlei Zusammenhang zwischen Videospielen und aggressivem Verhalten feststellt. KLICK.

An zerbrochenen Ehen

Fortnite wurde laut Daten eines Online-Scheidungsservice [Anm.: Nein, wir wussten auch nicht, dass es so etwas gibt.] für 200 Scheidungen im Vereinigten Königreich als Grund angegeben. Auch das kennen wir aus der Vergangenheit schon. In anderen Zeiten gaben die Leute eben World of Warcraft oder ein anderes Videospiel an, das gerade besonders beliebt war.

Einem Videospiel die Schuld für eine gescheiterte Ehe zu geben, ist aber ungefähr so dämlich, wie Tennis oder Handball zu beschuldigen. Sehr viel wahrscheinlicher wird es der sehr häufige Scheidungsgrund “Mangelnde Zuneigungsbeweise” sein. Ob der Partner diese wegen Fortnite, WoW oder Handball vernachlässigt, spielt in dem Fall keine Rolle.

An mangelnder Integration in österreichischen Schulen

Die Pädagogin Susanne Wiesinger räumt in ihrem Buch Kulturkampf im Klassenzimmer mit dem österreichischen Bildungswesen auf, kommt aber nicht umhin, auch einen kurzen Seitenhieb gegen Videospiele zu richten:

Zum einen ist das kein Problem, das man nur muslimischen Kindern zur Last legen darf. Die österreichischen Kinder sind da nicht besser. Zum anderen ist der Gedanke, Videospiele würden den Charakter nicht positiv prägen können, grundlegend falsch. Insbesondere wegen Multiplayer-Spielen.

Viele Couch-Coop-Spiele können Teamgeist und Kooperation fördern. Hinzu kommt ein Gemeinschaftsgefühl, dass bei kaum einer anderen Tätigkeit schneller aufkommt. Anstelle also Videospiele zu verdammen und ihnen Mitschuld an mangelnder Integration zu geben, könnte man ruhig versuchen, diese Boni auszunutzen und Kinder aller Gruppen über das Spielen zusammenbringen. Alle. Kann der Integration sicher nicht schaden.

Am Aufstieg des Rechtsextremismus

Das ist besonders spannend, weil es sich schon im ersten Moment recht abwegig anhört. Der Artikel beschreibt dann, wie Videospiele hintergründig die “Vormacht von weißen Männern” fördernund Themen der fernen Rechten stärken. Dabei kämen gern Aspekte wie Grenzschutz, Imperialismus und das schwache weibliche Geschlecht zum Einsatz.

Spätestens bei den beispielhaft genannten Spielen wird schnell ersichtlich, wie weit die Themen hergeholt sind. The Last of Us, The Legend of Zelda, Tropico oder Splatoon rechtes Gedankengut zu unterstellen untergräbt jegliche Aussagen in den jeweiligen Spielen.

The Last of Us gibt uns eine homosexuelle Protagonistin. Zelda: Breath of the Wild demonstriert ein kaum gesehenes Bild von Männlichkeit (ein sehr feminines). Tropico ist eine Satire gegen Faschismus. Und Splatoon ist die Videospiel-gewordene queere Szene. Tumblr als Videospiel quasi. Wenigstens merkt der Autor an, dass der Kontext in Betracht gezogen werden sollte.

An sexueller Gewalt

Weil in Bulletstorm sexuelle Begriffe im Zusammenhang mit Gewalt gezeigt werden, könnten Kinder “signifikante Schäden” davontragen. Außerdem: “Der Anstieg an Vergewaltigungen kann zu großen Teilen dem Spielen von [sexuellen] Szenen in Videospielen zugeschrieben werden.” Das Spiel ist ab 18 und die Anzahl an Vergewaltigungen ist in den USA in den letzten Jahren gesunken. Mehr sagen wir dazu gar nicht.

An Krebs

Darauf einzugehen sparen wir uns an dieser Stelle. Wir wissen alle, dass das Blödsinn ist. Und der Kern der Sache sollte ohnehin schon ersichtlich sein. Videospiele – wie so viele andere Formen der Unterhaltung vor ihnen – werden gerne als Sündenbock hergenommen, wenn man sich nicht um die wahren Ursachen eines Problems kümmern will.

Das kann nun der fehlende Respekt und die fehlende Kommunikation in einer Beziehung sein oder die misslingende Integration junger Menschen in eine Gesellschaft. Das kann ein fehlerhaftes Bildungssystem sein, das rechtsextremem Gedankengut die Verbreitung erlaubt und natürlich auch Gewalt, hervorgerufen durch persönliche, psychische oder strukturelle Probleme.

Leider wird die Rolle des Sündenbocks, die Videospiele zurzeit zugeschrieben bekommen haben, in den nächsten Jahren nicht verschwinden. Für das ist das Medium immer noch nicht genug in der Gesellschaft verankert. Und wenigstens bleibt es spannend! Wer weiß schon, was als nächstes kommt? Vielleicht sind Videospiele ja auch bald an der globalen Erwärmung Schuld.

Seufz…


Autor/Autorin

Florian Born

Wenn Florian nicht gerade auf der PS4 RPGs oder Action-Adventures zockt, hackt er Kommentare und grobe Überblicke in die Tastatur. Hin und wieder zynisch. Meistens gespickt mit schlechtem Wortwitz. Bei Screaming Pixel tritt er den anderen in den Hintern, wenn sie ihre Deadlines nicht einhalten.

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