Cyberpunk 2077 entkoppelt Nacktheit und Sexualität

Cyberpunk 2077 zeigte uns letzte Woche viel nackte Haut. Die Kritik dafür blieb wenig überraschend nicht aus. Doch warum hat sich CD Projekt Red dazu entschieden? Von Florian Born

Letzte Woche hat uns CD Projekt Red zum ersten Mal einen Einblick in das heiß ersehnte Cyberpunk 2077 gewährt. Wir haben zwar immer noch keine Ahnung, wann das Spiel erscheinen soll, aber wir haben knappe 50 Minuten an Gameplay bekommen, die nun zu Tode analysiert werden. Falls ihr es noch nicht gesehen habt, schaut euch doch hier die ersten paar Minuten an:

Am Anfang begleiten wir den Hauptcharakter V durch das Versteck einer Gang, die Leute entführt, um ihre Implantate zu stehlen. Zu sehen bekommen wir dabei nicht nur nette Shooter-Action, sondern auch einige nackte Körper, die auf den sozialen Medien für diverse Reaktionen gesorgt haben. Vor allem jener der nackten Frau, die Fokus der Sequenz steht.

Nackte Meinungen

Da wären zunächst jene, die das gezeigte Modell rein technisch betrachteten. Selten habe man so gute Body-Physics gesehen wir hier. Andere vermerken wieder die gute Umsetzung des Themas Nacktheit in Kombination mit den Implantaten.

Dann gibt es noch jene, die die Szene sehr kritisch betrachten. Nicht ungerechtfertigt, denn tatsächlich wurde – wie so oft – auch in den ersten Sequenzen von Cyberpunk 2077 schnell der Fokus auf eine nackte Frau gelegt.

Und auch wenn ich der grundlegenden Aussage zur Übersexualisierung von Frauen in der Popkultur zustimme, muss ich hier dazwischengrätschen. Denn in der kritisierten Szene spielt das körperliche Geschlecht der Person keine Rolle. Wieso? Betrachten wir den Kontext der Szene:

V und ihr Gefährte kämpfen sich durch ein Gangversteck, in dem in mehreren Ecken Leichen oder abgetrennte Körperteile zu sehen sind. Schließlich landen sie in einem Raum mit einer Badewanne gefüllt mit Eiswürfeln. Darin: Eine männliche Leiche und die Frau, die die beiden retten wollen.

Sie ist nackt und bewusstlos und auch wenn ihr Körper von hier an durchgehend in unserem Blickfeld ist, kann kein gesunder Verstand irgendetwas Sexuelles an der Situation finden. CD Projekt Red zeigt eine ganz andere Kategorie der Nacktheit.


Nackt ungleich nackt

Wie in dieser Situation sollte Nacktheit immer dem jeweiligen Kontext entsprechend betrachtet werden. Da gäbe es zum einen natürlich die bekannte sexuelle Variante der Nacktheit. Die bekommen wir in Games – und auch in anderen Bereichen der Popkultur – gerne zu Gesicht und hier gibt es auch eine kaum zu verleugnende Diskrepanz in der Anzahl von weiblichen und männlichen Körpern.

Daneben gibt es aber andere Varianten von Nacktheit, wie alle aus ihrem eigenen Leben bestätigen können. Nicht jedesmal, wenn wir unseren Partner nackt sehen, sehen wir diese Person mit einem sexuellen Blick. Gleiches gilt auch für uns selbst. Es gibt eben einen “alltäglichen” Kontext für Nacktheit. Komplett frei von Sexualität.

Es gibt auch eine ganz unschuldige Nacktheit – die von Kindern – oder eben auch eine klinische Nacktheit, wie wir sie in Cyberpunk 2077 sehen. Nur am Rande: Leute, die jene nicht sexuellen Varianten der Nacktheit als etwas Sexuelles sehen, gelten in unserer Gesellschaft nicht ohne Grund als pervers.

Cyberpunk entkoppelt

Doch darum soll es nicht gehen. Wichtig ist, dass Cyberpunk 2077 Nacktheit und Sexualität in einem Videospiel entkoppelt. Etwas, dass mir bis heute in diesem Medium kaum untergekommen ist.

Ein anderes Beispiel ist das Survial-MMO Rust, das vor ein paar Jahren starker Kritik ausgesetzt war, weil man Geschlecht und Ethnie des gespielten Charakters zugeteilt bekam. Hier startete man zunächst mit einem nackten Charakter und konnte im Lauf des Spiels erst Kleidung auftreiben. Eine alltägliche Nacktheit kommt in diesem Fall zum Vorschein.

Nackige Filme

Und auch in den meisten anderen Produktionen der modernen Popkultur sucht man nach dieser Nacktheit vergebens. Als eines der wenigen Beispiele fällt dazu Game of Thrones ein. Im Walk of Shame von Cersei Lannister sollte sich keine sexuelle Komponente finden lassen. Wir sehen hier eine Form von Nacktheit, die in die Kategorie Schutzlosigkeit fällt.

Im österreichischen Film schaut die Sache schon wieder anders aus. Hier ist Nacktheit wesentlich gängiger, als in US-amerikanischen Produktionen. Das könnte auch ein Grund für den gewagten Schritt sein: Der Mangel an gesellschaftlicher Prüderie.

Das Warum ist in diesem Fall aber gar nicht so wichtig. Viel relevanter ist die Tatsache, dass es überhaupt passiert. Und die Hoffnung darauf, dass das endgültige Cyberpunk 2077, das wir irgendwann (hoffentlich) zu Gesicht bekommen werden, dieses bisherige Bild nicht zerstört. Es würde ein gutes Vorbild abgeben und womöglich dabei helfen, Nacktheit nicht als etwas Schlechtes zu sehen.


Titelbild © CD Projekt Red

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Autor/Autorin

Clemens Istel

Schon als Kind hatte Clemens lieber den MegaDrive Controller als das Fläschchen in der Hand. Rund ein Vierteljahrhundert macht er bereits virtuelle Welten unsicher. Ob RPG oder FPS, kaum ein Genre ist vor ihm sicher. Selbst im ESport hat der "Head of Head off" von Screaming Pixel seine Erfahrungen gesammelt. Grundsätzlich gilt für ihn: Je openworlder, desto zock!

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