Nicht noch ein Teenie-Drama: Life is Strange

Die Einzelgängerin, die versucht Fuß zu fassen. Die Clique der beliebten, reichen und schönen Schüler. Probleme mit der besten Freundin. Familiendrama. Warum Life is Strange trotzdem mehr ist, als ein typisches Teenie-Drama:

Nicht noch ein Teeniefilm, Mean Girls, Easy A – diese Filme haben einiges gemeinsam und wenn wir Life is Strange auf die Substanz herunterbrechen, kann man die Geschichte von Max und Chloe in genau diesen Kanon einordnen. Ihr fragt euch jetzt wahrscheinlich, warum ich ein Computerspiel mit Filmen vergleiche. Ganz einfach, weil Life is Strange quasi ein Film ist.

Film vs. Spiel

Natürlich ist der Indiehit von Dontnod Entertainment ein Spiel, duh. Aber ein Spiel, das einem Spielfilm so nahe kommt, wie kaum ein anderes.

Life is Strange baut seine Stimmung vor allem auf die Szenen auf, in die wir entweder nicht aktiv eingreifen, oder dies bewusst nicht tun. Wie oft bin ich mit Max einfach nur auf einer Schaukel gesessen, habe die Musik genossen und mir die Kamerafahrt über die Umgebung angesehen? Nicht viele Spiele verleiten den Spieler dazu, sich einfach hinzusetzen und zuzusehen.

High School Teenie Drama mal richtig.

High School Teenie Drama mal richtig.

Dieses Zusehen und die damit einhergehende Entschleunigung verschafft Life is Strange diesen Filmcharakter. Dazu kommt das Zusammenspiel von Soundtrack und liebevollen Cutscenes, die sich qualitativ durchaus mit einem animierten Film á la Final Fantasy: Advent Children messen könnten.

Teenager-Drama – Aber mit Stil

Damit kommt natürlich die Frage auf: Was unterscheidet Life is Strange von anderen Teeniegeschichten? Wie bereits erwähnt, die Grundgeschichte könnte klischeehafter nicht sein. Ein junges Mädchen kommt in ihre Heimat zurück und fühlt sich irgendwie nicht wohl. Die beste Freundin ist sauer, weil sie sich verlassen fühlt, die Kids in der Schule sind oberflächlich und machen Max das Leben schwer.

Natürlich könnte man jetzt auf das ganze Magie-Ding und die Erschaffung von Parallelwelten im Stil von The Butterfly Effect eingehen, jedoch ist das für mich nicht einmal der entscheidende Punkt, der Life is Strange zu einer besonderen Teenie-Geschichte macht.

Wenn wir uns mit dem Kern der Geschichte befassen, nämlich Max, die gemeinsam mit ihrer Freundin Chloe versucht ein Verbrechen aufzuklären (auch das Verbrechen ist nur ein I-Tüpfelchen), dann sehen wir, was lebensnahes Charakterdesign einer Geschichte an Gefühl verpassen kann.

Wenn mich was an diesen ganzen Teenie-Filmen stört, dann dass jeder Charakter wahnsinnig überzeichnet dargestellt ist. Entweder das klassische Mauerblümchen, die arrogante Zicke oder der reiche Sportler. Life is Strange ist da anders. Kein Charakter ist einseitig. Jede Figur hat ihre Stärken und Schwächen und alle schaffen es, unsere Sympathie zu gewinnen.

Wenn selbst die arroganten Säcke einem irgendwie sympathisch sind.

Wenn selbst die arroganten Säcke einem irgendwie sympathisch sind.

Ein gutes Beispiel wäre Nathan: der reiche, eklige Sack. Trotz seines widerwärtigen Charakters tut er uns im Laufe der Geschichte irgendwie leid. Oder Chloe, die laute, aufmüpfige Rebellin, die hin und wieder ihre wundervoll ruhige Seite preisgibt und eigentlich viel mehr um Anerkennung und Anschluss kämpft, als es ihr rebellischer Charakter vermuten lassen würde. Und ganz ehrlich, in welchem Teeniefilm war die prüde, religiöse Schülerin jemals einer der beliebtesten, liebevollsten Charaktere?

Lebensnahe mit einem Hauch von Träumerei

Die Charaktere sind der Hauptgrund für den Erfolg von Life is Strange. Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Charakterzüge einzelner Figuren ist so komplex, dass sie durchaus als lebensnahe bezeichnet werden können.

Wenn man dem ganzen Realismus nun noch die verträumte Kulisse der Kleinstadt Arcadia Bay hinzufügt, dann hat man ein Spiel, oder eher einen interaktiven Film geschaffen, der funktioniert. Die melancholische Stimmung, die der Ort mit sich bringt, unterstreicht das Dasein, das Max fristet.

Und das Spiel einem zum Verweilen einlädt.

Und das Spiel einem zum Verweilen einlädt.

Das unterscheidet Life is Strange von den ganzen anderen Teenie-Dramen. Anstatt einer Geschichte zuzusehen, die so übertrieben ist, dass man überhaupt keinen Anknüpfungspunkt zum eigenen Leben findet, versetzt Life is Strange einen quasi in sein eigenes vergangenes Leben zurück, aber in einem Märchensetting. Als würde man die ganzen Probleme, die man als junger Erwachsener eben hat, nochmal durchleben. In einer schöneren, mysteriöseren und spannenderen Umgebung.


Bebilderung: © Square Enix

Autor/Autorin

Ana Lagger

Ana ist der Moodmaker von Screaming Pixel. (Naja, zumindest wenn es um negative Stimmung geht). Ihr Spiritanimal ist eine Mischung aus Sadness (Inside Out) und Scar. Dementsprechend ist auch ihr Geschmack. Spiele? Je depressiver, desto besser. Meistens spielt und schreibt sie über storylastige Indiegames.