Das beste zweite Leben meines Lebens: Stardew Valley

Es gibt sie wie Sand am Meer: Farming Games. Und ich traue mich zu sagen, dass ich viele davon gespielt habe. Sehr viele. Hier könnte man ein „typisch Mädchen“ einfügen, juckt mich aber nicht. Keines hat mich dabei so in seinen Bann gezogen wie Stardew Valley.

Eric Barone, besser unter seinem Alias ConcernedApe bekannt, verbrachte vier Jahre seines Lebens damit, Stardew Valley zu entwickeln. Im Alleingang. Dafür schon mal meinen größten Respekt. Vor allem, da er keine Ausbildung in die Richtung gemacht hat. Er hat sich während der Zeit von Pixeln, über Programmieren und Musikdesign alles selbst beigebracht. Und diese Hingabe merkt man am Endprodukt.

Ganz viel Liebe

Seien es die Charaktere, das niedliche Pixeldesign, die Dialoge oder die Musik. Alles in Stardew Valley verbreitet gute Laune. Wir haben unser Leben satt. Verständlich. Wir arbeiten in einer Joja-Fabrik und unser Alltag lässt uns mehr und mehr verkümmern. Zu unserem Glück hat unser Opa dasselbe durchlebt und bietet uns einen Ausweg. Am Sterbebett überreicht er uns einen Umschlag. Wir sollen ihn aber erst öffnen, wenn wir bereit dazu sind.

„There will be a day when you feel crushed by the burden of modern life and your bright spirit will fade before a growing emptiness. When that happens, you will be ready for this gift.“

So sitzen wir eines Tages an unserem Schreibtisch und halten die „moderne Welt“ nicht mehr aus. Wir greifen in die Schublade und öffnen den Umschlag. Unser Opa hat uns seinen alten Hof im Sternentautal vermacht. Wir lassen alles stehen und liegen und ziehen aufs Land, um ein idyllisches Leben fernab von Stress und Hektik zu führen.

Bei unserer Ankunft zeigt Robin uns unser neues zu Hause.

Bei unserer Ankunft zeigt Robin uns unser neues zu Hause.

Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber ich persönlich kann alleine die Anfangssequenz wahnsinnig gut nachvollziehen. Ich gestehe: Ich war wahnsinnig gerührt von der Wortwahl. Auch wenn es nur zwei Sätze waren, sie trafen mich mitten ins Herz. Und ja, ich werde sentimental, also lassen wir das jetzt lieber, das will ja niemand lesen.

Freundschaft und Familiengefühl

Was Stardew Valley für mich so einzigartig macht, sind nicht die Farmingmethoden, das Fischen oder die Minen. Das gibt es in jedem anderen Farming-Game auch. Es sind die stets unterschiedlichen Charaktere. Jeder von ihnen hat eine ganz persönliche Geschichte und jeder ist auf seine eigene Art liebenswert.

Mit der Zeit lernt man die Bewohner von Stardew Valley besser kennen. Je mehr man sich mit ihnen unterhält, desto mehr erzählen sie von sich. Man muss sich also bemühen, eine Freundschaft mit ihnen aufzubauen. Wenn man das allerdings schafft, fühlt man sich ein bisschen wie zu Hause.

Unsere kleine Farm.

Unsere kleine Farm.

Stardew Valley scheut sich dabei nicht, kritische Themen aufzugreifen. Hier möchte ich eine SPOILERWARNUNG aussprechen! Ich werde auf die Geschichten von einzelnen Charakteren eingehen.

Schicksale zum Mitfühlen

Shane zum Beispiel: Anfangs redet er nicht mit uns. Er will nicht. Er ist in seinem Alltagstrott gefangen. Wie wir damals. Lernt man Shane aber näher kennen erfährt man, dass er unter Depressionen leidet. In einer Szene vertraut er uns an, dass er sein Leben beenden möchte. So viel Tiefgang habe ich mir nicht erwartet.

Ein paar Dialoge, die man im Laufe des Spiels führt, haben es in sich.

Ein paar Dialoge, die man im Laufe des Spiels führt, haben es in sich.

Dabei wirkt Stardew Valley nicht gezwungen oder übertrieben. Alles an den Charakteren ist stimmig.

Ein anderes Beispiel wäre die Familienzusammenstellung aus Robin, Demetrius, Maru und Sebastian. Robin ist mit Demetrius verheiratet und Maru ist ihre gemeinsame Tochter. Sebastian ist Robins Sohn aus erster Ehe. Eine echte Patchworkfamilie. Wenn man mit Robin gut genug befreundet ist, kann man in ihrem Schlafzimmer ein Selbsthilfebuch zum Thema zweite Ehe finden.

Oder Abigail. Die Tochter von Pierre und Caroline, die den örtlichen Laden führen. Im Laufe der Geschichte wird immer mehr angedeutet, dass Abigail nicht Pierres Tochter ist. Ganz sicher ist man sich dabei aber nie. Zudem scheint Abi eine gute Freundin namens Mona verloren zu haben, zumindest findet man sie immer wieder an ihrem Grab.

Und so ziehen sich die Einzelschicksale durch Stardew Valley. Ein Kriegsveteran, der den Draht zu seiner Familie verloren hat, als er wieder heim kommt. Ein Mädchen, die das Dorfleben satt hat und nichts weiter will, als in die Stadt zu ziehen. Ein Junge, dessen Vater Säufer war und dessen  Mutter verstarb. Er endete hier bei seinen Großeltern.

In mindestens einem der Charaktere findet man ein kleines Stückchen von sich selbst wieder. Manchmal ist das gut, manchmal kann das auch ziemlich melancholisch werden. Aber genau diese Abwechslung macht Stardew Valley für mich aus.

Abwechslung und Alltag

Natürlich wird Stardew Valley, wie jedes Farming-Game, repetitiv. Spätestens nach dem ersten Jahr hat man zumindest am Hof alles gesehen. Trotzdem wird es nicht langweilig. Eben durch die vielen Charaktere, die man erst kennen lernen muss und durch die neuen Gebiete und eine kleine, kryptische Metastory drumherum.

Ob fischen, farmen oder einfach nur den Tag geniesen. Stardew Valley bietet viele Möglichkeiten.

Ob fischen, farmen oder einfach nur den Tag geniesen. Stardew Valley bietet viele Möglichkeiten.

Im Cummunitycenter muss man Bundles abgeben. Das sind Sammlungen von Gegenständen, die man im Spiel entweder findet, anbaut, farmt, aus den Minen holt oder fischt. Somit hat man einen Anreiz, wirklich alles zu machen und sich nicht auf eine Sache zu fokussieren.

Mit jedem vollendeten Bundle schaltet man Neues frei. Unter anderem die Wüste als neues Gebiet. Hier kann man andere Nutzpflanzen kaufen und kommt in Kontakt mit dem mysteriösen Mr. Qi. Er stellt uns Aufgaben, die wir erfüllen sollen. Was uns am Ende der Aufgaben erwartet, will ich an dieser Stelle aber nicht spoilern.

Stardew Valley schafft es so, Abwechslung in den Alltag zu bringen. Das gemütliche Farmleben ist entspannend, idyllisch und eine echte Ablenkung vom allgemeinen Alltagsstress. Die unglaubliche Arbeit, die ConcernedApe mit diesem Spiel geleistet hat, beeindruckt mich wirklich.

Und durch die aktive Community, zahlreiche Mods und Zusatzinhalte kann man durchaus einige Stunden mit dem Spiel verbringen. In den letzten drei Wochen verbrachte ich neben dem normalen Alltag 64 Stunden in Stardew Valley. Ich jedenfalls verabschiede mich jetzt von euch. Es warten Ziegen und Hasen, die gefüttert werden müssen. Und danach treffe ich mich mit Shane auf ein Bierchen in der Kneipe.


Bebilderung: ©Chucklefish

Autor/Autorin

Ana Lagger

Ana ist der Moodmaker von Screaming Pixel. (Naja, zumindest wenn es um negative Stimmung geht). Ihr Spiritanimal ist eine Mischung aus Sadness (Inside Out) und Scar. Dementsprechend ist auch ihr Geschmack. Spiele? Je depressiver, desto besser. Meistens spielt und schreibt sie über storylastige Indiegames.