Beholder: Soll ich oder soll ich nicht?

Als treuer Diener des Systems geraten wir in Beholder rund um die Uhr in moralische Zwickmühlen. Mr. Stasi oder gute Fee im totalitären Wahnsinn – wer wirst du sein?

„Sehr geehrter Herr Stein. Mit Freuden teilen wir Ihnen mit, dass sie zum Hausmeister eines Klasse D Wohnkomplexes in der Kruschewitzestraße 6 ernannt wurden.“ Was wie das glückliche Ende einer langen Jobsuche klingt, wird für den Protagonisten von Beholder ganz schnell zum Albtraum.

Hausmeistern im totalitären Staat bedeutet nämlich, alle Vorgänge im Haus penibel zu dokumentieren. Unserem Vorgänger gelang dies nicht zur vollen Zufriedenheit des Ministeriums. Er wird vor unseren Augen aus seiner Wohnung geknüppelt und abgeführt. Das kann ja heiter werden.

Alles wird in Beholder aufgezeichnet.

Das Ministerium zahlt gut für jede gemeldete Eigenschaft

Alle Vorgänge? Alle!

Zu Beginn des Spiels wirken Ehefrau, Tochter und Sohn noch einigermaßen zuversichtlich ob der neuen Bleibe. Wir werden von unserem Vorgesetzten sogleich instruiert, wie Überwachungskameras versteckt anzubringen sind. Das rote Telefon in unserem Büro bestimme fortan unser Leben. Wenn das Ministerium ruft, haben wir zu antworten.

So streifen wir durch die Flure, warten bis die Bewohner in der Waschküche oder ihrer Arbeit sind und verwanzen und durchsuchen dann ihre Wohnungen. Sämtliche Indizien werden in unserem Arbeitsbuch vermerkt. An sich schon moralisch verwerflich, aber es kommt noch verzwickter.

Auch durchs Schlüsselloch lassen sich Bewohner ausspionieren

Neben Universalschlüssel und Kameras ist der Blick durchs Schlüsselloch ein bewährtes Werkzeug in Beholder

Das totalitäre System erlässt regelmäßig Verordnungen. Zum Teil machen die sogar Sinn. Wer will schon jemanden in seinem Haus, der Drogen herstellt oder gefährliche Waffen besitzt? Doch das Ministerium verlangt von uns auch Meldungen, sollte jemand Bücher eines bestimmten Autors lesen. Äpfel sind ganz und gar verboten und wer über den Krieg spricht oder auch nur weint, soll ebenfalls ins Gefängnis.

In schlechter alter Nazimanier betont unser Vorgesetzter eingangs noch, wie wichtig es nicht wäre, dem Volk einen Dienst zu erweisen. Wir würden ja nur Gutes tun. Das Schreiben begrüßt uns überdies “in den Reihen der Elite des Staatsapparates.” Nichts ist erstrebenswerter als eine treue Marionette des Systems zu sein.

Jeder hat etwas zu verbergen (Mini-Spoiler zum Tutorial)

In unserem ersten Auftrag setzt uns das Ministerium auf den dubiosen Herrn aus Appartment Nummer Zwei an. Uns bleibt also gar nichts anderes übrig, als seine Wohnung zu durchsuchen. Enthalten wir dem Ministerium einen Verstoß bis zum Ablauf der Missionszeit vor, landen wir selbst im Polizeiauto.

So melden wir als braver Staatsdiener lieber, dass Herr Manishek aus der Zwei Drogen herstellt. An unserem Schreibtisch können wir ab sofort Profile aller Bewohner erstellen und Berichte über etwaige Verstöße einreichen. Name, Beruf, Appartment und Beziehungsstatus müssen korrekt ins Formular eingetragen werden. Sonst winkt ein Bußgeld für Falschinformation. Je mehr Infos wir in einem Profil melden, desto höher die Belohnung. Wer zu lange wartet, verpasst die Chance auf leichtes Geld.

Geld regiert die Welt

Bei den Moneten liegt der Knackpunkt. Parallel zu unserem Spitzeljob sollen wir uns natürlich auch um unsere Familie kümmern. Kochtopf und Schulbücher können wir glücklicherweise von unseren Nachbarn bekommen, wenn wir sie nicht ans Ministerium verpfeifen. Studiengebühren, Arztkosten oder Stromrechnung wollen aber mit barer Münze bezahlt werden.

Im leichten Schwierigkeitsgrad lassen sich diese Sorgen noch einigermaßen bewältigen. Wer eine härtere Herausforderung sucht, wird sich aber ganz schnell in einem Teufelskreis wiederfinden. Hier entfaltet sich Beholder zu einem grandios nervenaufreibenden Mix aus Alltagssorgen, Katz-und-Maus-Spiel mit den Behörden und zunehmender Verzweiflung.

Neben Stasi-Aktionen gehört auch normale Hausmeisterei zu unseren Aufgaben in Beholder

Nach einer Verhaftung dürfen wir die Wohnung plündern, müssen sie anschließend aber für neue Mieter renovieren

Woher bekomme ich Geld für Studiengebüren? Meine Tochter liegt im Sterben. Ich brauche Medikamente. Wen sollte ich nochmal ausforschen? Verdammt, die Arztkosten sind gestiegen. Es hilft wohl alles nichts. Ich muss das nette Ehepaar aus der Eins ans Messer liefern und Wohnung Drei plündern. Sonst stirbt mein Kind und mein Sohn fliegt von der Uni.

Wer moralisch handeln will, sieht sich in einem zermürbenden Konflikt wieder. Das Wohl der eigenen Familie steht auf dem Spiel und wir stehen blitzartig vor der Wir-oder-sie-Problematik. Aus gesichtslosen Schatten, werden schnell Bezugspersonen. Stress und Verzweiflung steigen während des Spielens mit jeder Minute. Es muss doch irgendeinen Ausweg geben.

Das Ende vom Lied (more Spoiler!)

Der Artstyle von Beholder ist düster. Die Figuren haben keine Gesichter, vermitteln durch Körperhaltung und Sprechblasen aber sehr wohl ihre Stimmung – nicht selten eine sehr betrübte. Von Anfang an ist klar, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen wird. In unserem Fall sogar ein sehr dramatisches.

Beim ersten Versuch weigerten wir uns, dem Ministerium von Verbrechen zu berichten. Wir wurden verhaftet und unsere Familie fand noch im selben Jahr den Tod. Playthrough Zwei verlief nicht besser. Herr Stein plündert, verwanzt und berichtet so schnell er kann. Doch am Ende sind Beruf und Familie zugleich mehr als wir bewältigen können. Obendrein ertappen wir unsere Frau beim Lesen verbotener Bücher.

Jeder kann im Polizeiwagen landen

Die Polizei ist wenig zimperlich mit Verbrechern

Welchen Weg wir gehen, bestimmen wir selbst. Jede Figur hat ihre eigene Geschichte und kann zum Teil unserer eigenen werden. Das sibirische Studio Warm Lamp Games hat uns über Publisher Alawar Premium eine Gefühlsachterbahn serviert, die wir so schnell nicht vergessen. Seit 16.01. ist Beholder nach Steam, iOS und Android auch im Playstation Store und für Xbox erhältlich.


Bildmaterial © Warm Lamp Games

Autor/Autorin

Clemens Istel

Schon als Kind hatte Clemens lieber den MegaDrive Controller als das Fläschchen in der Hand. Rund ein Vierteljahrhundert macht er bereits virtuelle Welten unsicher. Ob RPG oder FPS, kaum ein Genre ist vor ihm sicher. Selbst im ESport hat der "Head of Head off" von Screaming Pixel seine Erfahrungen gesammelt. Grundsätzlich gilt für ihn: Je openworlder, desto zock!